Sommerhits (Ende) : Mythos in Zellophan

Ob alte Schlager im Autoradio oder scharfe Rhythmen am Strand: Sommerhits gehören zum Urlaub wie die Sonnenbrille. In den Ferien erzählen wir von der besten Musik für die heiße Jahreszeit.

Musik zwischen Wasserspielen. Unser Autor erlebt ein Konzert auf Ludwigs Trauminsel Herrenchiemsee.
Musik zwischen Wasserspielen. Unser Autor erlebt ein Konzert auf Ludwigs Trauminsel Herrenchiemsee.Foto: dpa/gms

Diese hektische Ritual wiederholt sich jeden Sommer: Schnell noch die Musik auswählen für die wenigen Tage jenseits des Büros, ungehörte CDs aus leicht eingestaubten Bergen hervorklauben und entnervt aus ihren zellophangesicherten Hüllen schälen. Bis vor Kurzem landeten sie dann in einem Reisebehältnis mit Reißverschluss, das einer Wiedervorlagemappe ähnelte. Heute werden sie in den Laptop gestopft, um die Musik auf ein tragbares Informationsvolumen herunterzubrechen. Der ganze Vorgang bereitet größere Seelenqual als die Entscheidung für ein Buch, das unbedingt noch mitmuss auf die Reise.

Endlich einmal nichts um die Ohren haben, frei sein für neue Klänge, versinken in Unerhörtem – das gehört zu den hartnäckigen Mythen der Urlaubszeit. Wenn wir dann zurückkehren, die Koffer auspacken und staunend beschauen, was wir von all dem Mitgeschleppten gar nicht gebraucht haben, liegt das akustische Gepäck meist noch gänzlich unberührt da. Nicht, weil die Musik über den Sommer plötzlich ihre Macht verloren hätte. Eher, weil sie sich nicht in den mitgeführten Klangkonserven offenbart, sondern zufällig, da, wo man sie gar nicht vermutet.

Die Magie der Musik liegt am Wegesrand

Wenn sie beispielsweise eine fränkische Dorfwirtschaft rebellisch macht, weil die urlaubenden Stadtkinder auf der rumpelnden Musicbox immer und immer wieder nicht Heino, mit Bestimmtheit aber „Da da da“ von Trio drücken. Und auf diese Weise früh lernen müssen, dass selbst die Nerven wortkarger Stammtischler begrenzt belastbar sind. Oder wenn man seinen Sinnen nicht mehr traut, weil man irgendwo jenseits von Neapel Paolo Conte im Auto hört – und dann, nach dem Aussteigen, von der Hafenbar genau das Lied herüberweht, das gerade noch der CD-Player im Leihwagen abgespielt hat. Ein Echo, eine Tonblende, ein Klangkontinuum. Kann das wirklich sein?

Auch bei den Festivals des Sommers liegt die Musik, deren Magie man sich nicht entziehen kann, am Wegesrand. Wie wundersam wird man etwa auf Ludwigs Trauminsel Herrenchiemsee zurück zum Konzert gerufen, in das unvollendet gebliebene Treppenhaus oder den Spiegelsaal, der Versailles in den Schatten stellt. Vier Alphörner marschieren zwischen den Wasserspielen auf, und ihr Klang kommt langsam näher und wandert die Stufen zum Schloss empor. Das wird nur noch von den Bayreuther Festspiel-Hornisten übertroffen. Wem es nach einer Stunde Pausenwandeln bei Bratwurst und Kneippbad nicht das Herz zusammenzieht bei ihrem klagenden Ruf zum letzten Akt, der kann sich nächstes Jahr getrost dort einbuchen, wo Sommerhits zu Animationsprogramm gehören.

Was nun nachklingen wird von diesem Sommer? Die Momente, an denen er ganz still war. Und alle Musik wieder möglich wurde.

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