Sommerkultur : Bratwurst und Musik

Daniel Hope wurde eingeladen, den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern als Künstlerischer Partner eine eigene Handschrift zu verleihen.

Herr Hope, Sie sind den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern fast seit ihrer Gründung verbunden. Wie kam es dazu?
Ich bin schon früh in der Reihe „Junge Elite“ des Festivals Kammermusik aufgetreten und habe seither Mecklenburg-Vorpommern für mich entdeckt: Das Potenzial des Festivals, seine Energie, die Herzlichkeit der Menschen haben mich nicht mehr losgelassen. 2006 war ich Preisträger in Residence. Jetzt hat man mich gefragt, ob ich dem Festival als Künstlerischer Partner mit einer eigenen Reihe, einer Handschrift, noch enger verbunden sein möchte. Natürlich habe ich zugesagt. So kann ich mit jetzt meine weltweiten Verbindungen spielen lassen und Freunde einladen, nach Mecklenburg-Vorpommern zu kommen.
Ist das Konzept ihrer Reihe – Künstler einzuladen, die ihre Freunde sind?
Absolut. Da spielt auch eine soziale Komponente mit. Als Musiker sind wir das ganze Jahr über auf Festivals. Neben den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern habe ich auch beim Savannah Music Festival in Georgia/USA eine prägende Rolle übernommen, dort bin ich künstlerischer Leiter und gestalte die Programmplanung für die Kammermusik. Freunde für Auftritte einzuladen bedeutet auch eine Chance, sie bei mir zu haben, und zwar für mehrere Tage hintereinander. Das ist extrem wichtig, auch für mich persönlich.
Treten Musiker lieber auf Festivals oder in Konzertsälen auf?
Konzertsäle sind der Normalfall fast das ganze Jahr. Ich kenne kaum einen Kollegen, der die Tage in Mecklenburg-Vorpommern und die einzigartige Stimmung dort nicht genossen hat und wiederkommen will. Aber so viele Termine haben wir gar nicht. Es gibt 123 Konzerte, und selbst das ist nicht genug.
Sie meinten einmal, die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern würden sich auch dadurch auszeichnen, dass sie noch nicht so etabliert sind. Was heißt das konkret?
Ich meinte vor allem, dass sie noch frisch sind, was ihre Internationalität betrifft. Gerade an diesem Punkt will ich ja ansetzen. Deshalb habe ich dieses Jahr Vertreter aus zwei der renommiertesten musikalischen Institutionen der USA eingeladen: Den Spitzennachwuchs der „Academy“, ein Projekt der Carnegie Hall, der Juilliard School und des Weill Music Institut, und die Chamber Music Society des Lincoln Center, beide aus New York. Mein Ziel ist es, den Namen Mecklenburg-Vorpommern außerhalb Deutschlands noch stärker bekannt zu machen.
Muss man als Programmgestalter für Festspiele ein anderes Repertoire auswählen als für normale Konzertabende?
Es ist eine Mischung. Der Besucher sollte das Gefühl bekommen, etwas Neues, Einmaliges zu hören. Gleichzeitig sind die Hauptwerke des Repertoires natürlich absolut unverzichtbar. Aber man kann sie anders präsentieren.
Wie denn?
Schon der Ort des Konzerts ist bedeutsam. Wenn sie die Streichquartette von Beethoven oder Brahms in einer Scheune mit 1000 Zuhörern hören und danach Bratwurst essen und Bier trinken, dann ist das ein einzigartiges Erlebnis. Dazu kommt mein Konzept, mit und zu den Werken immer auch eine Geschichte zu erzählen. Das mache ich dieses Jahr zum Beispiel mit dem Programm „Die Perücken trügen – ein Ausflug in die Welt des Barock“ zusammen mit Roger Willemsen am 18. Juli. in Heringsdorf oder mit den Stücken aus meiner neuen Einspielung „Air – eine barocke Entdeckungsreise“ am 1. August in Rostock.
Sie tun das gerne: Vor dem Konzert dem Publikum noch in ein paar einführenden Worten das Stück und die Lebenssituation des Komponisten zum Zeitpunkt der Komposition zu erklären.
Ich weiß, in Deutschland ist das noch recht ungewöhnlich. In den USA ist es wesentlich häufiger üblich. Persönlich halte ich das für sehr gesund. Ich begrüße es, wenn Künstler bereit dazu sind und den Besuchern das Gefühl geben, dass sie nicht auf sich alleine gestellt sind.
Wusste das Publikum früher mehr über die Werke als heute?
Wir müssen realistisch sein. Früher war das Erlernen eines Instruments extrem weit verbreitet. Hausmusik gehörte zum guten Ton und war prägend und wichtig für die Entwicklung eines jungen Menschen. Das ist weitgehend weggefallen, der Musikunterricht ist stark heruntergefahren. Ich erlebe es häufig nach einem Konzert, dass Besucher mir sagen, wie sehr ihnen dieses „Lied“ gefallen hat, wenn sie eigentlich den „Satz“ meinen. Das Allgemeinwissen ist zurückgegangen. Auch deshalb habe ich ja vergangenes Jahr meinen Konzertführer „Wann darf ich klatschen?“ veröffentlicht, in dem ich erklären möchte, ohne zu belehren. Mein Ziel ist es, dem Besucher die Augen zu öffnen, damit er selbst sehen und hören kann, welch gigantische, großartige Musik unser kulturelles Erbe bereitstellt.
Muss sich etwas verändern in der Art, wie wir Kunstmusik präsentieren?
Ich würde nicht sagen, „es muss“. Es ist mein Weg, den ich mir ausgesucht habe. Und es macht mich jedes Mal glücklich, wenn ich von einem Besucher erfahre, dass er das erste Mal auf einem Konzert war – weil er Kunstmusik vorher für etwas Elitäres, Abgehobenes gehalten hatte. Also, ich würde nicht dafür plädieren, jedes Konzert als Gesprächskonzert zu gestalten, aber wenn von 100 Konzerten 15 ein Konzert für Kinder oder ein Gesprächskonzert wären, das würde dem Betrieb schon sehr gut tun.
Wissen Sie schon, welches Land sie 2011 für ihre Reihe nach Mecklenburg-Vorpommern einladen werden?
Nein, ich bin noch am Sammeln von Ideen. Aber die Brücke in die USA, die ich jetzt gerade aufbaue, soll auf jeden Fall erhalten und ausgebaut werden.
Interview: Udo Badelt

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