Sommerkultur : Es singt der See

Preußens Prinzen ließen hier Opern spielen. Die Kammeroper Schloss Rheinsberg setzt seit 20 Jahren internationalen Nachwuchs in Szene – ein Gespräch mit Festivalchef Siegfried Matthus.

Herr Matthus, wie sind sie mit der Kammeroper nach Rheinsberg gekommen?
Ich habe dort mein Abitur und meine ersten schüchternen musikalischen Versuche gemacht. Schon früh wollte ich mit Freunden und Kollegen wie Götz Friedrich, Kurt Masur und Harry Kupfer kulturell etwas bewegen im Schloss, das ja damals noch ein Sanatorium beherbergte. Erst nach der Wende ging es los. Auf einmal war Rheinsberg interessant für Investoren. Wir wollten Kultur machen und die Idee der Kammeroper verwirklichen. Ich weiß aus dem Sängerleben meiner Frau, wie schwierig es ist, den Sprung vom Studium ins Engagement zu schaffen. Daraus ist die Idee der Kammeroper zur Förderung internationaler junger Sänger geboren.

Rheinsberg hat ja eine Tradition als Musenhof. Was wurde hier gespielt?
Der junge Fritz hat hier tolle Sachen gemacht. Das Berliner Opernhaus wurde in Rheinsberg konzipiert. Als er König wurde, hat Prinz Heinrich Rheinsberg 50 Jahre lang gepflegt und weiter entwickelt. Auf dem Programm seines Schlosstheaters standen viele deutsche Erstaufführungen. Es tröstet mich immer, wenn ich in den alten Dokumenten lese, dass er das gleiche Problem hatte, wie wir heute: nie genügend Geld. Aber er wusste sich zu helfen: Seine Bediensteten mussten alle auch singen oder ein Instrument spielen können.
Wie wird Prinz Heinrich in diesem Jahr im Programm der Kammeroper präsent sein?
Wir werden im Schlosstheater die Produktion „Prinz Heinrich inszeniert eine Oper“ zeigen, parallel wird im Spiegelsaal Musik aus seiner Zeit gespielt. Prinz Heinrich war gut bekannt mit der Zarin Katharina. Die hat ein Libretto geschrieben, ein russischer Komponist hat es vertont, und wir werden Auszüge daraus als deutsche Erstaufführung in der Kirche bringen. Zur Feier von 20 Jahren Kammeroper wird Prinz Heinrich als Schauspieler im Schlosshof sitzen. Dazu gibt es Filmdokumente und Auftritte junger Sänger, mit denen wir uns erinnern, welche Produktionen wir hier in Rheinsberg gemacht haben.

Was haben 20 Jahre Kammeroper Schloss Rheinsberg verändert?
Wir haben früh die Aufmerksamkeit auf die Ruine des Schlosstheaters gelenkt. Vor der Ruine und darin gespielt und so dazu beigetragen, dass das Schlosstheater wieder aufgebaut wird. Wenn die Kammeroper nicht so eine Ausstrahlung entwickelt hätte, dann wäre wohl auch das Hafendorf mit Hotel und Arena nicht entstanden. Wir waren da ein moralischer Vorreiter. Und natürlich merken wir, dass unsere Sängerkinder an allen großen Opernhäusern der Welt singen. Die Sopranistinnen Nina Warren, Camilla Tilling und Annette Dasch haben den Opernolymp, die New Yorker MET, erreicht. Tenor Marco Jentzsch wird sein Debüt an der Mailänder Scala geben, Bariton Aris Argiris an Covent Garden in London. Und der Bass Friedemann Röhlig kommt diesem Sommer direkt aus Bayreuth zum Benefizkonzert nach Rheinsberg. Die Oper mag noch so sehr in der Krise sein. An jungen Sängern, die Oper singen wollen und können, wird es nicht fehlen.

Wie kommen sie an ihre jungen Sänger?
Wir schreiben einen internationalen Gesangswettbewerb für die Rollen aus. Darauf bekommen wir 400 bis 500 Bewerbungen aus aller Welt – und die Qualität wird immer besser. Bei uns gibt es kein Preisgeld zu gewinnen, sondern eine Rolle, die mit erfahrenen Opernleuten einstudiert wird. Sie jungen Künstler singen ohne Honorar. Bei unserer Operngala können Sie 15 wunderbare, noch unbekannte Stimmen erleben. Das kann sich kein Theater leisten.

Sie spielen ja viel Open Air. Da müssen Sie einen guten Draht zum Wettergott haben.
Immer um 17 Uhr müssen wir die Entscheidung fällen, wo wir spielen. Dann telefonieren wir mit dem Wetterdienst in Potsdam, gucken in den Himmel und überlegen, ob wir raus gehen oder lieber gleich in die Arena. Vergangenen Sommer sind wir sehr verwöhnt worden, so dass wie alle unsere Heckentheater-Aufführungen wirklich unter freiem Himmel spielen konnten. Das würden wir diesen Sommer natürlich auch gerne tun. Eine Aufführung an einem wunderbaren Sommerabend im Heckentheater ist etwas einmaliges. Oder unser „Singende See“: Da fahren wir das Publikum mit Schiffen raus, dann werden die Motoren mitten auf dem See abgestellt und von drei Uferstellen singen unsere Sänger deutsche und internationale Abendlieder. Das ist eine besondere Veranstaltung, die bei Sonnenuntergang ganz unwiederbringlich ist.

Herr Matthus, gibt es so etwas wie den Geist von Rheinsberg?
Wir sind hier alle sehr darum bemüht, den jungen Sängern eine sehr disziplinierte, konstruktive aber auch arbeitsfreudige Atmosphäre zu bieten. Das, was an den Theatern bisweilen an Ellbogen nötig ist, gibt es bei uns nicht. Wir wollen den jungen Sängern zeigen, dass große künstlerische Leistungen nur aus einer Harmonie des Zusammenseins und Zusammenfindens zu erreichen sind. Das gelingt uns eigentlich immer, und zum Schluss der Saison gibt es oft viele Tränen beim Abschied von Rheinsberg.
Das Gespräch führte Ulrich Amling.

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