Sommerkultur : Wir wollen zu Land ausfahren

Wer ein wenig Glück hat, erlebt den magischen Moment, ist dabei, wenn Kunst und Natur sich berühren. Zum Beispiel im Zisterzienserkloster Chorin 50 Kilometer nordöstlich von Berlin.

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Der Name des Orchesters hat sich in der Erinnerung verwischt, aber das Musikerlebnis ist noch ganz präsent: Gustav Mahlers sechste Sinfonie steht auf dem Programm – die mit den Kuhglocken und den Hammerschlägen –, genannt „Die Tragische“, ein Werk, das schon bei jeder Aufführung im geschlossenen Konzertsaal die Zuhörer durchrüttelt.
Hier aber, in der gotischen Hallenkirche, deren Fenster seit Menschengedenken fehlen, können die Besucher beobachten, wie sich draußen ein Gewitter zusammenbraut, wie sich dunkle Wolken türmten. Bedrohlich wirkt das und grandios zugleich, so wie Mahlers monumentale, zerrissene Musik, die das verzweifelte Ringen seines tönenden Helden mit dem Schicksal darstellt, mit martialischen Marschrhythmen und grotesk verzerrter Idylle, komponiert 1906, als Vorahnung jener Katastrophen, die bald über Europa hereinbrechen würden. Doch dann bleiben draußen Blitz und Donner aus, der Himmel klart erneut auf, Vögel tirilieren, während die Partitur ihrem dramatischen Ende zustrebt. Was für ein Kontrast, was für ein Kontrapunkt: Licht und Schatten, Tod und Leben, Temperaturstürze und –aufschwünge erst parallel, dann gegenläufig.
Das Klassik-Konzert als Ganzkörpererlebnis – so etwas passiert nur im Sommer, wenn die Sinfonieorchester hinaus streben aus ihren Stammhäusern, wenn es sie an Orte zieht, die in der kalten Jahreszeit zwangsläufig im Winterschlaf gelegen haben: Scheunen und Schloss-Säle, die sich nicht heizen lassen, Heckentheater und Freiluftbühnen, die ungeschützt Wind und Wetter ausgesetzt sind, Kirchen, ob nun ruinös oder in alter Pracht erhalten, ja selbst verlassene oder noch genutzte Industrie-Areale verwandeln sich in Konzertstätten, locken das Publikum an, aus den Städten aber auch aus dem unmittelbaren Umkreis.
Seit einem Vierteljahrhundert erleben hierzulande die Sommerfestivals einen unablässigen Boom: Mit dem Schleswig-Holstein Musikfestival fing es an, am 5. Juli 1985 mit einem Konzert von Justus Frantz, bei dem Uwe Barschel im Kieler Schloss den Erzähler in Saint-Saens „Karneval der Tiere“ gab. Schnell fanden die Norddeutschen Nachahmer im ganzen Land, nach der Wende blühte dann auch überall in den neuen Bundesländern die sommerliche Musiklandschaft auf. Längst ist die gesamte Republik mit einem dichten Veranstaltungsnetz überzogen, und ein Ende der Gründungswelle ist nicht in Sicht. Denn inzwischen haben auch die Tourismus-Marketing-Agenturen den hohen Wert der Festivals erkannt, die Lockfunktion von Kulturveranstaltungen für den Fremdenverkehr: Wo man singt, das lass Dich ruhig nieder – und zwar möglichst mehrere Tage. Speziell geschnürte Packages sollen den Kultururlaub so komfortabel wie möglich machen: Eintrittskarten, Hotel, Besichtigungsprogramm – alles im Preis inbegriffen.
Vor allem an den Rändern der Saison werden die Festivals gerne platziert: Auf Usedom, wo sich im Juli und August halb Berlin am Strand drängelt, findet das Musikfestival immer im Herbst statt. Für das Hinterland von Mecklenburg-Vorpommern dagegen sind die Hochsommermonate interessant, um Besucher von der Küste weg zu locken. „Hier hat die Kultur die Wirtschaft beflügelt!“, bestätigt beispielsweise Helmuth Freiherr von Maltzahn. Mitten in der dünn besiedelten Müritzregion konnte er seit den neunziger Jahren mit Hilfe der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern das ruinöse Schloss seiner Vorfahren zum ganzjährig florierenden Kulturzentrum Ulrichshusen ausbauen.
Über die wirtschaftliche Bedeutung von Sommerfestivals sind sogar schon Doktorarbeiten geschrieben worden. Sebastian Nordmann, langjähriger Leiter der Musikfestspiele Mecklenburg-Vorpommern und seit kurzem Intendant des Berliner Konzerthauses am Gendarmenmarkt, beispielsweise verdankt seinen Titel einer Studie zum „Einfluss des Schleswig-Holstein Musik Festivals auf die Musiklandschaft Schleswig-Holstein“.
Selbst die wissenschaftlich erforschten Gewohnheiten der Konzertbesucher werden im Sommer außer Kraft gesetzt: Normalerweise, so steht es in einer Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung aus Halle an der Saale, die im Auftrag der Deutschen Orchestervereinigung erstellt wurde, bewegen sich selbst Klassik-Begeisterte nur ungern weiter als 20 Kilometer von zuhause weg, um in den Genuss einer Live-Aufführung zu kommen. Eine Erkenntnis, die gerade für Ensemble in schwach besiedelten Gegenden Konsequenzen hat: Weil die Bevölkerung auf dem Land immer schneller altert, werden die Provinz- Orchester ihrem Publikum künftig verstärkt entgegenkommen müssen, und zwar wortwörtlich: Indem sie sich mit Instrumenten und Notenständern auf den Weg machen, um über die Dörfer zu tingeln.
In der Ferienzeit dagegen gelten, wie gesagt, andere Gesetze: Da fährt man gerne weite Strecken, um an einem bezaubernden Ort Mozart, Beethoven und Co. zu hören. Da lässt sich der Großstädter gerne stundenlang mit dem Reisebus über kleine und kleinste Landstraßen schaukeln, um schließlich jottweedee die Veranstaltungsorte der Brandenburgischen Sommerkonzerten zu erreichen. Da rekrutiert sich in Ulrichshusen, dem Zentrum der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, das Publikum zu großen Teilen aus Hamburg und Berlin, nimmt also Anfahrtswege von 160 respektive 130 Kilometern in Kauf. Wir wollen zu Land ausfahren.
Und auch mit ihrer Zeit gehen die Opern- und Konzertbesucher im Sommer großzügiger um als in der dunklen Jahrezeit. Statt nur die Abendstunden für den Kunstgenuss zu reservieren, statt im Schweinsgalopp vom Büro in die Philharmonie zu spurten, spendieren sie gerne den kompletten Tag für ein Kulturevent, planen den Konzertbesuch als Höhepunkt eines ausgedehnten Ausflugs ein. Nicht alle sind dabei so orthodox wie die Richard-Wagner-Pilger, die schon den Vormittag in stiller Andacht verbringen, um sich ab 16 Uhr dann bis zu sechs Stunden lang auf den harten Sitzen des Bayreuther Festspielhauses zu kasteien. Doch auch der eher epikureisch veranlagte Kulturgenießer, der vor dem nachmittäglichen Klavier-Recital im Gutshaus seinen Streuselkuchen im Schatten alter Linden verspeist und sich hinterher noch ein Glas Prosecco am Seeufer gönnt, geht das Ganze so entspannt an, wie er es eben nur in der Freizeit tun kann.
Darum ist die Hochnäsigkeit, mit der so mancher Ernste-Musik-Anhänger auf die sommerlichen Lustbarkeiten herabsieht, auch ganz unbegründet. Denn wer sagt denn, dass die Konzentrationsfähigkeit des Publikums geringer ausfallen muss, nur weil sich die Leute unter der Holzbalkenkonstruktion eines umgewidmeten Pferdestalls oder im Park eines Barockschlosses versammeln? Die eigene Erfahrung lehrt jedenfalls: Wenn die Interpreten Spannendes zu sagen haben, wenn die Qualität der Aufführung stimmt, dann schlagen die Künstler ihre Zuhörer wirklich an jedem Ort in den Bann.
Mit den traditionellen Kurmuschel-Konzerten – wie sie übrigens selbst die Berliner Philharmoniker in ihren Anfangszeiten alljährlich abzuleisten gezwungen waren – haben moderne Sommerfestivals nicht mehr das Geringste zu tun. Hier geht es längst nicht mehr nur um reine Ablenkung, sondern ebenso auch um Versenkung. Hier begleiten nicht Wunschkonzertmelodien die Promenaden- Flaneure, sondern hier strömen interessierte Besucher zusammen, um nichts anderes zu tun als der Musik zu lauschen. Mögen die Locations vielleicht auch ungewöhnlich sein, die Töne werden darum trotzdem nicht zur Geräuschkulisse, sondern bleiben die Hauptsache.
Das war in früheren Jahrhunderten anders, als Musiker noch zur Dienerschaft zählten. Wer nicht das Glück hatte, einem kunstsinnigen Herren zu dienen – wie beispielsweise Joseph Haydn auf Schloss Esterhazy im österreichischen Burgenland – der wurde in der Tat als Beschallungspersonal missbraucht, musste sich mit einer Funktion begnügen, die heute glücklicher (oder fataler?) Weise vom Radio übernommen wird. Die Missachtung der künstlerischen Leistung, wie sie beispielsweise Wolfgang Amadeus Mozart durch seinen Arbeitgeber, den Salzburger Fürstbischof Colloredo, erfahren musste, bewegte ihn zu dem mutigen Schritt, sich als Freiberufler in Wien durchzuschlagen.
Am Hofe brauchte man die Musiker nicht allein zur akustischen Untermalung der Tafelfreuden, sondern eben auch für die Vergnügungen im Freien. Die allermeisten Partituren, die im Laufe der feudal geprägten Jahrhunderte zu diesem Zweck komponiert wurden, sind gnädig in Vergessenheit geraten. Die Meisterwerke des Open- Air-Genres aber überlebten, wie Georg Friedrich Händel Wasser- und Feuerwerksmusiken. Auch hier also gilt: Qualität setzt sich durch.
Und ein kleiner Rückfall in vergangene Zeiten und Sitten ist durchaus gelegentlich erlaubt: Fast jedes Festival gönnt sich inzwischen einen populären Ausreißer im ansonsten hochseriösen Programm, einen Abend, bei dem die Musik tatsächlich nur eine Zutat im verführerischen Mix der sinnlichen Freuden darstellt. Die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci, dank der künstlerischen Integrität von Intendantin Andrea Palent überregional als Musterbeispiel für die Pflege der historischen Aufführungspraxis an authentischen Orten geschätzt, feiert in diesem Jahr zum Beispiel mit allen, die Spaß daran haben, am 19. Juni eine „Karibische Nacht“: Da gibt es dann barocke Piratenmusik, Rum-Cocktails und Tänzer von den Antillen, also jede Menge Halligalli – bevor tags darauf wieder Eichendorff-Texte mit Kammermusikbegleitung auf dem Programm stehen.
Oft entwickeln sich Sommerfestivals aber auch zu wahren Brutstätten des Innovativen: Weil hier fast alle Konventionen des Klassik- Business außer Kraft gesetzt sind, weil hier nicht die Grundversorgung eines treuen Abonnentenstamms mit Kernrepertoire gesichert werden muss, weil die Erwartungshaltungen weniger ausgeprägt, die Geister aller Beteiligten offener sind. Wo Freiheit herrscht statt Alltag, können neue Ideen leichter sprießen. Selbst, wenn sie aus der Not geboren sind: Als der Hamburger Kinderarzt Matthias von Hülsen im Jahr 1990 mit ein paar Freunden beschloss, die Idee des Schleswig-Holstein Musikfestivals nach Mecklenburg-Vorpommern zu tragen, da fehlte es am Anfang natürlich am nötigen Budget für teure Klassikstars. Also erfand man die Konzertreihe „Junge Elite“, holte sich den begabten Nachwuchs aufs Land und lobte einen Preis aus, den das Publikum an jenen Künstler verleihen sollte, der das größte künstlerische Potenzial präsentierte.
Und tatsächlich – die Vox populi erwies sich als erstaunlich treffsicher: Die meisten der Ausgezeichneten starteten kurz nach ihrem Debüt bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern zu einer beachtlichen internationalen Karriere durch. Gleichzeitig blieben sie aber auch dem Festival treu, aus Dankbarkeit dafür, dass sie hier beim Start ins Berufsleben so toll unterstützt worden waren. So wuchs im Laufe der Jahre bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern eine veritable Familie von Publikumslieblingen heran, Künstler, die Spaß daran haben, jedes Mal wieder dabei zu sein – und im Idealfall sogar noch ihre berühmten Künstlerfreunde mitbringen. In diesem Sommer wird Gabor Boldoczki „artist in residence“ des Festivals sein. 1999 wurde der ungarische Trompeter zum Preisträger der Festspiele gekürt, 2010 gestaltet er als Ehrengast nun insgesamt 13 Konzerte, von der Blechbläser-Gala bis zum Kammermusikprojekt. Auch die Künstler zieht es eben nach einer anstrengenden Saison zur Sommerfrische aufs Land.
Bislang haben die Festivals die Finanzkrise erstaunlich glimpflich überstanden. Weil es zum einen die Sponsoren zu schätzen wissen, dass sie im Gegenzug für ihre Unterstützung wichtige Kunden zur musikalischen Landpartie einladen können. Weil zum anderen auch die Lokalpolitiker sehen, wie nachhaltig mit vergleichsweise wenig Subventionen die Attraktivität einer Region gesteigert werden kann, und zwar bei der Lieblings-Zielgruppe aller Tourismusmanager: dem besser verdienenden Publikum.
Eine Erfolgsgeschichte also, die von keinerlei dunklen Wolken getrübt wird? Nun ja, einen natürlichen Feind hat die Spezies der Sommerfestivals: das Wetter. Hagelschauer, die auf ein Scheunendach prasseln, während darunter zarte Barockmusik gespielt wird, vom Regen aufgeweichte Zufahrtswege, auf denen das Publikum durch den Matsch waten muss, klamme Kälte in mächtigen Kirchenschiffen, eiskalter Wind, der den Besuchern im Rheinsberger Heckentheater in die Knochen fährt – ausgerechnet an dieser Stellschraube des Wohlbefindens kann selbst der gewiefteste Veranstalter nicht drehen. Und so ist es am Publikum, sich vor jedem Sommerkonzert erneut für alle Eventualitäten zu rüsten, Schirm und Regenpelerine, Plaid und Pferdedecke griffbereit zu halten, raffinierte Zwiebeltechniken für die Kleidungsschichten zu entwickeln, in der Vorbereitung durch erhöhten Vitaminkonsum die Abwehrkräfte zu stärken und abends Tee oder Grog statt Sekt in die Thermoskanne zu füllen. Wer je das Beharrungsvermögen der Zuschauer erlebt hat, die im Juli bei kaum acht Grad vor der prachtvollen Kulisse des Schweriner Schlosses dem bitteren Ende von Giuseppe Verdis „Macht des Schicksals“ entgegenzitterten, der weiß: Es gibt Situationen, da kommt Kunst ganz eindeutig von Aushalten-Können.

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