Sommernächte (10): Dunkelheit : Meine Sterne, keine Sterne

Lang ersehnt, erträumt, erdichtet und erinnerungsträchtig: Sommernächte sind die schönste Auszeit des Jahres. In den Ferien erzählen wir an dieser Stelle davon. Diesmal: die Dunkelheit.

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Sommernacht. Weiße Nacht. Als wir die ziemlich schräge Hafenkneipe verließen um vier Uhr in der Früh, war es hell draußen. Nicht schon wieder hell. Noch immer hell. Es blieb auch hell, taghell. Vielleicht lag es an dem Licht bei Tag und Nacht, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihre Vorbereitung für die Weltmeisterschaft in Frankreich damals in Helsinki nicht so erfolgreich abschloss wie acht Jahre zuvor bei den notti magiche in Italien. Egal, Schwamm über die weiße Nacht.

Die Mutter der Sommernächte ist schwarz. Gibt es ein Schwarz, das schwärzer ist als schwarz? Gibt es, ich habe es gesehen, ich habe Schwarz gesehen.

Es gab keine Sterne. Nicht einen.

Wo sonst soll man die Mutter der Sommernächte erleben, wenn nicht in der Sahara, in der Sand-Sahara? Weicher Sand, so weich wie Daunen. Warm ist die Nacht, auch wenn es heißt, dass die Temperatur in der Sahara vom Tag zur Nacht um 20 bis 25 Grad sinken kann. Wir waren zu fünft unterwegs, ein Reporter vom Fernsehen, ein Kameramann, ein Tontechniker, ein Fotograf und ich, der Schreiber. Es galt, ein paar Menschen zu begleiten, die es toll finden, mit Rucksack und wenig Wasser durch die Wüste zu joggen – am Tag vor meiner Sommernacht waren es 70 Kilometer.

Wir sind nicht gejoggt, wir saßen im Jeep. Und wir hatten auch keine Jurte wie die Läufer, wir hatten ein Zelt. Das Zelt war zu klein für fünf Männer mit Equipment. Ein Mann musste immer draußen schlafen, im Wüstensand, im Schlafsack, unter dem Sternenhimmel, herrlich, ich war an der Reihe. Mein Bett hatte ich noch bei Sicht in der Dämmerung etwa 20 Meter neben dem Lager gebaut, ein Kissen für den Kopf im Sand, ein Schlafsack, eine Flasche Wasser. Genau, ein Sommernachtstraum.

Dann gingen die Feuer des Lagers aus. Am Feuer hatten die Begleiter des Wüstenrennens und die marokkanischen Soldaten aromatische Kräuter geraucht. Und waren dabei sehr großzügige und vorzügliche Gastgeber. Schwarz wurde es, schwarz ist nicht zu steigern, aber, Leute, ich sage euch, so ein Schwarz habt ihr noch nicht gesehen. Ich fand mein Lager mithilfe eines Feuerzeugs, ich kroch in den Schlafsack, ich wollte Sterne gucken. Es gab keine Sterne. Nicht einen. Keinen klitzekleinen. Man hätte stutzig werden können. Aber doch nicht in dieser Euphorie eines einsamen Mannes inmitten der Natur: Klein Helmut aus Düsseldorf-Bilk, allein in der Weite der Sahara, ein Sandkorn im Kosmos, so frei, so frei. Da verabschiedet sich der Verstand auch ohne aromatische Kräuter. Ich schlief ein.

Da regnet es einmal in hundert Jahren in der Sahara, und ihr legt euch ins Freie

Die Mutter der Sommernächte ist schwarz. Und sie ist nass. Die Mutter der Sommernächte kam nicht mit Tropfen. Es war eher ein Wasserfall, der mich weckte. Der Wasserfall platschte gefühlt ein, zwei Stunden auf mich herab. Zuflucht? Wo ist Zuflucht in der Wüste? Das Zelt? Wo ist das Zelt in der Schwärze? Mama Sommernacht gewährte keine Chance. Immerhin hielt der Schlafsack leidlich dicht. Irgendwann gab sie auf, sah ein, dass sie dieses Sandkorn im Kosmos nicht wegschwemmen konnte. Ich schlief wieder ein. Die Sonne weckte mich.

Etwa zehn Meter vor mir hockten fünf Berberjungen, jeder so um die zehn Jahre alt. Sie hockten stumm da, stützten ihre Köpfe auf ihre Hände und betrachteten mich. Der Dreck, der nasse Schlafsack, das durchweichte Kissen, der Schlamm in meinem Gesicht bewiesen, dass ich nicht geträumt hatte. Die Berberjungen sagten nichts, hockten stumm vor mir und betrachteten mich. Ich habe sie trotzdem verstanden: „Wie dumm ihr seid, ihr weißen Männer. Da regnet es einmal in hundert Jahren in der Sahara, und ihr legt euch ins Freie“, sagten die stummen Berberjungen, „ihr seid echt bescheuert.“

Weitere Texte der Serie: Draußenschlafen (10.7.), Die Nachtigall (13.7.), Sommerdüfte (16.7.), Weckerklingeln (20.7.), Marseille (24.7.), Hoteltipps (27.7.), Seenot (30.7.), Wintersehnsucht (2.8.), Glühwürmchen (7.8.), Fähren (14.8.), Mücken (20.8.), Lebensfries (24.8.)

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