Sommernächte (13): Lebensfries : Der Sommer geht, das Licht bleibt

Lang ersehnt, erträumt, erdichtet und erinnerungsträchtig: Sommernächte sind die schönste Auszeit des Jahres. In den Ferien erzählen wir an dieser Stelle davon. Unser letzter Beitrag: der Lebensfries.

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Der Lebensfries von Edvard Munch, im Vordergrund eine Tänzerin von Georg Kolbes.
Der Lebensfries von Edvard Munch, im Vordergrund die "Tänzerin" von Georg Kolbe.Foto: Neue Nationalgalerie

Ich könnte jetzt auch über Georg Kolbes nackte „Tänzerin“ schreiben, wie sie, die Arme seitlich ausgestreckt, den Kopf geschlossenen Auges nach hinten wirft, das Gesicht einem schönen Licht hingegeben. Die zarte Skulptur hat sich sozusagen vorgedrängelt auf dem Ausstellungsfoto, das mir die Neue Nationalgalerie gemailt hat und in dessen Hintergrund die neun Bilder von Edvard Munchs „Lebensfries“ zu sehen sind, auf denen er „das Leben in allen Stufen“ zeigen wollte, „mit seinen Freuden und Schmerzen“.

„Begier" und „Melancholie“ heißen sie, dreimal ist das Wort Strand im Titel, es gibt drei Mädchen-Doppel mit Sonnenblume oder beim Apfelpflücken und tatsächlich eines, das „Sommernacht“ heißt, als hätte Munch, kleiner Scherz, unsere Sommerglossenidee schon erahnt. Kolbes Tänzerin steht auch hier wundersam im Weg, mit ihren Schultern und Armen verdeckt sie Teile dieser „Sommernacht“, aber ich weiß, dass Männer und Frauen in kleinen Gruppen sich darauf verteilen in vorsichtiger Blickbeziehung. Und hinter ihnen ist die Mittsommersonne und ihr unvergleichlich Munch’sches Zerfließen im Meer.

Jetzt, da der Sommer schwindet und die ihm so eigenen Nächte, halte ich mich an die Kunst und an die Erinnerung. Entdeckt habe ich den Lebensfries – die Kunstgeschichtler nennen ihn Reinhardt-Fries, weil Munch ihn 1906/1907 für Max Reinhardts Kammerspiele schuf – mit siebzehn, frisch verliebt in eine französische Austauschschülerin: Wir standen im Untergeschoss der damals noch sehr neuen Neuen Nationalgalerie, kleiner Saal seitlich der Haupthalle links, und waren für Begier, schönes Wort, und Melancholie gleichermaßen empfänglich. Später trampten wir Munchs Mittsommerlicht hinterher, nur war es schon August, und im Norden dunkeln dann die Nächte besonders eilig ein.

Ein Lebensfries aus Ferienfotos

So hell, diese Bilder, blau und rot und grün und sonnengelb und sandfarben, mit Tempera auf ungrundierter Leinwand gemalt. Eigentlich spricht der Fries nicht vom ganzen Leben, sondern von Jugend, aber seine Helligkeit habe ich in mein zweites, nördliches Zuhause mitgenommen bis heute. Ein Lebensfries aus Ferienfotos: Inselufer im Mittsommer, kleine Kinder am Feuer, größere Kinder, keine Kinder, nur noch das Feuer und die Felsen und das Licht. Aber eben: das Licht.

Auch Munchs Lebensfries ist auf Reisen gegangen, von der Dauerpräsentation in der Sammlung der Neuen Nationalgalerie, lange her, in deren Ausstellung „Moderne Zeiten“ von 2010, die nun seit Mai für ein Jahr in der Kunsthalle Würth gastiert, in Schwäbisch Hall. Dazwischen: Depot. In naher Zukunft: Neue Nationalgalerie jahrelang geschlossen. Immerhin das Lebensfries-Foto habe ich jetzt, seit kurzem ist es mein Bildschirmhintergrund am Arbeitsplatz und begrüßt mich Tag für Tag.

Was wohl Kolbes Tänzerin zu diesen Reminiszenzen sagt? Gar nichts, sie wirft den Kopf in den Nacken. Und tanzt.

Dies ist der letzte Teil der "Sommernächte". Weitere Texte der Serie: Draußenschlafen (10.7.), Die Nachtigall (13.7.), Sommerdüfte (16.7.), Weckerklingeln (20.7.), Marseille (24.7.), Hoteltipps (27.7.), Seenot (30.7.), Wintersehnsucht (2.8.), Glühwürmchen (7.8.), Dunkelheit (10.8.), Fähren (14.8.), Mücken (20.8.)

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