Sommernächte (7): Seenot : Gerettet von den Wasserbullen

Lang ersehnt, erträumt, erdichtet und erinnerungsträchtig: Sommernächte sind die schönste Auszeit des Jahres. In den Ferien erzählen wir an dieser Stelle davon. Diesmal: Seenot.

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Sommernächte können verdammt hart sein. Drei Mal habe ich dem Tod ins Auge geschaut, es war immer im Sommer, es war immer bei Hitze.

Einmal habe ich mich bei einer Wanderung auf den Galapagosinseln verirrt und wäre fast verdurstet. Einmal bin ich beim Tauchen in einer Unterwasserhöhle stecken geblieben und wäre fast ertrunken. Kein gutes Gefühl.

Eigentlich sterben die meisten Menschen in Deutschland im Februar, gefolgt vom Januar. Die wenigsten Menschen sterben im August, gefolgt von September und Juli. Der Unterschied in der Statistik ist ziemlich groß. Die Hitzetoten fallen statistisch kaum ins Gewicht, verglichen mit den Opfern von Kälte, Nebel und Eis.

Der Himmel weint bittere Tränen

Wir sind im August zur Müritz gefahren und haben ein Motorboot gemietet, ich habe den Bootsführerschein. „Yo no soy marinero. Soy capitan.“ Das war ein ganz schön großes Boot. Abends haben wir in einer Bucht geankert, ich weiß nicht, wie die hieß, „Mosquito Bay“ hätte gepasst. Wir haben trotzdem auf Deck geschlafen, es war sehr heiß. So um zwei, drei Uhr wachen wir auf. Es regnet. Der Himmel weint bittere Tränen. Dann schaue ich mich um, wir sind mitten auf der Müritz, das Ufer ist ein schmaler Lichtstreifen, weit weg. Der Anker hat sich gelöst, wir sind tatsächlich hinausgetrieben. Und die Wellen sind hoch, ich meine, verdammt hoch. Blitze sind zu sehen. Fängt da doch tatsächlich ein Gewitter an, Jesus Maria.

Schiffskatastrophe macht sich im Wikipedia-Eintrag besser als Leberzirrhose

Bei Sturm fährt man in den Hafen, sage ich als Kapitän. Ich werfe den Motor an. Nichts tut sich. Der Motor schweigt, das Schweigen des Allmächtigen ist gar nichts dagegen.

Das Boot schaukelt, Blitze blitzen, ich denke, jetzt ertrinken wir, das Boot ist manövrierunfähig, es herrscht Sturm. Nun, ganz ohne Stil wäre so ein Tod immerhin nicht. Schiffskatastrophe macht sich im Wikipedia-Eintrag besser als Leberzirrhose, sag ich jetzt einfach mal. Aber es gibt ja noch das Handy. Oh, ich habe vergessen, das Handy aufzuladen. Kapitän Ahab wäre das nicht passiert. Hein Blöd könnte so was passieren.

Gegen 4 Uhr ist die Wasserschutzpolizei gekommen. Durch die Regenwand schob sich ein gewaltiger grauer Schiffsrumpf, das waren die tapferen Wasserbullen, sie seien gelobt und gepriesen. Sie haben den Motor flottgemacht, trotz Sturm. Im ersten Morgengrauen erreichte das Schiff schwer stampfend die Küste, bei Waren.

Eines Tages wird mich der Sommer erwischen, das steht fest. Der Tod im Sommer ist schon irgendwie anders, abenteuerlicher, es ist nicht dieses passive Wegdämmern im Bett. Es hat was von einem Joseph-Conrad-Roman.

Weitere Texte der Serie: Draußenschlafen (10.7.), Die Nachtigall (13.7.), Sommerdüfte (16.7.), Weckerklingeln (20.7.), Marseille (24.7.), Hoteltipps (27.7.), Wintersehnsucht (2.8.), Glühwürmchen (7.8.), Dunkelheit (10.8.), Fähren (14.8.), Mücken (20.8.), Lebensfries (24.8.)

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