Sommerserie Reisefieber (9) : What? Germany? Shit!

Aufregung, Angst, Abenteuer: Reisen ist der individuelle Ausnahmezustand. An dieser Stelle erzählen wir in den Sommerwochen davon – mit erhöhter Temperatur.

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Skyline von Los Angeles bei Nacht.
Nicht ganz ungefährlich, nachts in Los Angeles.Foto: AFP/Joe Klamar

Es war vielleicht nicht die beste Idee, bei anbrechender Dunkelheit durch South Central L.A. laufen zu wollen. Meine Schwester fand es gleich bescheuert. Aber ich setzte mich über ihre Bedenken hinweg. Bis heute bekomme ich deshalb bei Familientreffen zu hören, wie leichtsinnig ich in meinem Geiz gewesen sei und dass ich meine jüngere Schwester beinahe umgebracht hätte. Wenn nicht noch Schlimmeres. Gerettet hat uns dann jedenfalls ein Taxifahrer.

Und das kam so.

Einen Tag zuvor war ich aus dem Haus einer älteren Dame hinauskomplimentiert worden, die ein wunderbares Anwesen oberhalb von Santa Monica besaß. Eigentlich hatten wir länger bei ihr bleiben sollen, aber ich hatte etwas gegen Ronald Reagan gesagt. 1987 war Los Angeles die mit Abstand coolste Stadt der Welt. Gangsta-Rap wurde gerade geboren, und Heiner Müller hatte sie als die „erste intergalaktische Metropole“ bezeichnet. Ich hatte vergessen, dass Ronald Reagan, der damals US-Präsident war und Europäer mit seinem Cowboy-Gehabe um den Schlaf brachte, zuvor kalifornischer Gouverneur gewesen war. Ich hätte mir also denken können, dass eine Dame aus der Oberschicht vielleicht nicht amüsiert sein würde, wenn ich sagte, Reagan habe einen Knall.

Ein Taxifahrer ruft die beiden durchs offene Fenster in den Wagen

Nun mussten meine Schwester und ich, statt im weißen Cadillac der Lady nach Malibu kutschiert zu werden, eine Bleibe für die nächste Nacht suchen. In Downtown. In der Nähe des Greyhound-Bahnhofs. Denn von nun an waren wir, sie blond und 18 Jahre alt, ich in Pyjamahosen und wenig älter, auf Busverbindungen angewiesen. Das Hotel lag nur zwei Blocks vom Busbahnhof entfernt. „Da laufen wir hin“, sagte ich entschieden und marschierte los.

Fünf Jahre später sollten in Compton, der Gegend, durch die wir gingen, blutige Unruhen ausbrechen. Und so etwas lag schon jetzt in der Luft, als sich die Sonne in den Fassaden der Finanztürme brach, während an schäbigen Ecken Drogen durch Autofenster gereicht wurden. Drei finstere Gestalten gingen provozierend deutlich an uns vorüber. Da wurde es meiner Schwester zu bunt. Sie hatte ein Jahr in Kansas verbracht und längst begriffen, wo wir hineingeraten waren. Zum Glück hatte das auch ein Taxifahrer. Er bremste den Wagen scharf neben uns, und durchs geöffnete Fenster fauchte er: „Get in this car! Now!“

Ich zögerte: Wie viel das wohl kosten würde? Doch meine Schwester wuchtete schon ihren Koffer auf die Rückbank, während der Fahrer, ein Schwarzer, mir vorhielt, dass die Leute hier Weiße bloß zum Spaß aufschlitzen würden. „What? Germany? Shit.“ Er hatte völlig recht. Das Elend der Gegend war bedrückend. Das sah ich jetzt auch – und es waren auch viel mehr Blocks als zwei. „Ihr schließt euch jetzt im Hotelzimmer ein“, lautete der Rat des Mannes, „und kommt da nur wieder raus, um euch zum Bahnhof fahren zu lassen.“ Das taten wir dann auch.

Bisher erschienen: Träge Tropen, Gelbes Leuchten, Schwarze Sonne, Schwarm und Schock, Vater ist weg, Kloß im Hals, Grüezi Wohl! und Am Abgrund

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