Sommersouvenirs (10): Ansichtskarten : Post mit Patina

Was man so mitbringt von der Urlaubsreise: Schönes und Seltenes, Nützliches und Überflüssiges, Trinkbares und Tragbares. Nicola Kuhn schickt sich selbst Ansichtskarten.

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(K)ein Gruß. Der Wille zum Schreiben war da, doch die Urlaubseit viel zu kurz - so geht es unserer Autorin häufiger.
(K)ein Gruß. Der Wille zum Schreiben war da, doch die Urlaubseit viel zu kurz - so geht es unserer Autorin häufiger.Foto: dpa

Sie gehören zu den unfreiwilligen Souvenirs, all die mitgebrachten Postkarten. Eigentlich sollten sie gerade nicht im eigenen Koffer landen und mit nach Hause genommen werden, sind sie doch für die Tanten, die Freundinnen, die Geschwister, die Eltern gedacht. Doch jedes Jahr wiederholt sich das Spiel. Das Schreiben wird hinausgeschoben bis in die letzten Ferientage, das gehört zum Ritual der Erholung, und dann – huch! – ist es wieder zu spät. Mal erweist sich das Adressbuch als unauffindbar, daheim vergessen. Mal fehlen die Briefmarken, kein geöffnetes Postamt taucht mehr am Wegesrand auf. Dann scheitert es am Briefkasten, selbst am Flughafen gibt es keinen mehr. Oder die Postkarten sind einfach vergessen, vergraben tief unten in der Reisetasche. Zu Hause tauchen sie dann wieder auf. Post für mich, wie nett.

Mittlerweile ist auf diese Weise eine sonderbare Kollektion zusammengekommen, bei der ich nur rätseln kann, ob diese merkwürdigen Motive allen Ernstes für jemanden bestimmt gewesen sind. In der Euphorie des Urlaubs müssen sie ganz anders gewirkt haben: das Triumphkruzifix aus dem schwedischen Pelarne, die nebelverhangenen Berge von Puy en Velay, die kalkig weiße Churburg im Südtiroler Wiesengrün, das einsam im Stechlinsee dümpelnde Boot, das Rezept für Foie Gras aus dem Elsass. Und wie um alles in der Welt passen die vier Ansichten der Waldschänke am Rahmersee hinein, deren Wände nur so vor Hirschgeweihen strotzen? War ich wirklich jemals dort?+

Die abgebildeten Bäume sind längst abgehackt

Die Karten besitzen Charme durch ihre Kuriosität: vergilbt, an den Rändern noch Spuren getrockneter Feuchtigkeit, die Farbe der einst quietschbunten Fotografien zunehmend blässlich. Meist waren es die Letzten ihrer Art auf den fahrbaren Ständern, die morgens von den Andenkenläden auf die Straße geschoben werden. Es sind Impressionen eines besuchten Ortes, den es häufig schon während des Besuches so nicht mehr gab. Die abgebildeten Automobile firmieren bereits als historische Modelle, die Bauwerke werden von Bäumen gerahmt, die entweder abgehackt oder mittlerweile gewaltig gewachsen sind. Die Karten halten nicht nur ein Ferienziel fest, sondern einen nostalgischen Moment, eine Vorvergangenheit der eigenen Reise. Sie stemmen sich gegen die Zeit.

Die Ferienreisen wirken zu Hause auf diese Weise noch ein wenig entrückter, so entlegen wie überhaupt heutzutage das Ansichtskartenschreiben. Per SMS geht der Feriengruß schließlich schneller, oder auch ein Selfie vor der Akropolis oder am Pool. Vergeblich müht sich die Post, mit herunterladbaren Karten zeitgemäß mitzuhalten. Dabei gehören Postkarten nun mal geschickt. Oder, als Zufallssouvenir, ins Lebensgepäck.

Bisher erschienen: Bücher in fremden Sprachen (20. Juli), Flüssiges im Handgepäck (23. Juli), Lavendel (27. Juli), Blankbooks (30. Juli), Schalmeien (2. August), Steine (6. August), Teller & Töpfe (10. August), Limoncello (13. August), Magneten (17. August)

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