Kultur : Sommertag in London

Von den Nazis verramscht: Sotheby’s versteigert Olsens Munch-Bilder

Matthias Thibaut

Nach dem, was man in manchen Zeitungen über die kommende Munch-Versteigerung bei Sotheby’s lesen konnte, könnte man den norwegischen Sammler Thomas Olsen für einen habgierigen Profitgeier halten, der 1939 und später Gemälde von Edvard Munch nur gekauft hat, weil sie billig waren. „Nazibeutekunst-Skandal“ las man da, von „Osloer Schnäppchen“ war die Rede. Es wurde sogar angeregt, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz solle zurückfordern, was der Berliner Nationalgalerie 1937 durch die Naziaktion gegen die so genannte „Entartete Kunst“ verloren ging.

Rund 18 000 Bilder wurden damals von Goebbels und seinen Kunstwächtern aus deutschen Museen geräumt, darunter auch drei der Munch-Gemälde, die am 7. Februar bei Sotheby’s in London von einem Erben des norwegischen Reeders, Edvard Olsen, versteigert werden. „Sommertag“ von 1904 (Schätzung 3,5 bis 5 Millionen Euro), das wichtigste Bild des auf mindestens 17 Millionen Euro geschätzten Olsen-Blocks, wurde 1931 von der Berliner Nationalgalerie gekauft. 1937 kam es als „entartet“ ins NS-Kunstdepot im Schloss Niederschönhausen. Kunstfreund Hermann Göring selbst sorgte dafür – und lieh es sich anschließend für seine Privatsammlung. Über den offiziellen Kunsthandel wurde es danach an den norwegischen Händler Harald Holst Lavorsen verkauft. Die Berliner Nationalgalerie wurde mit 12 250 Reichsmark entschädigt.

Das Gemälde „Pferde“ (500 000 - 700 000 Pfund) wurde 1936 vom Folkwang Museum gekauft und ebenfalls 1937 in Niederschönhausen deponiert, „Generationen“ (700 000 - 900 000 Pfund) gehörte seit 1927 dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum und ging über den Kunsthändler Karl Buchholz nach Norwegen. Er war einer der Kunsthändler, mit denen die Nazis bei ihrem Tausch von Kunst gegen Devisen für die Rüstungsfinanzierung zusammenarbeiteten. Doch Händlern wie Buchholz oder Ferdinand Möller ging es nicht nur um ihre Provision (in der Regel 25 Prozent) – sie wollten die Werke ins Ausland schaffen, um sie vor der Vernichtung zu retten. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erinnerte an diese moralisch komplexen Zusammenhänge, als sie eine „Rückforderung“ ausschloss. Schließlich gehe es nicht um zwangsversteigerte Kunst. Es war der Staat selbst, der die Verkäufe organisierte: „Soweit die staatlichen Sammlungen Opfer des von den Nazis erzwungenen Aderlasses waren, waren sie doch schicksalhaft zugleich mit dem Staat verwoben, der ihn vornahm.“

Damit ist das Dilemma benannt, in dem die deutsche Kultur mit der Aktion der „Entarteten Kunst“ Täter und Opfer zugleich war. Es hilft nicht, Olsen nun zum Sündenbock zu machen. Der norwegische Reeder kaufte Munch, weil sich ihm eine gute Gelegenheit bot. Und billig war die Kunst nicht nur, weil sie von den Nazis verramscht wurde. Nordische und deutsche Kunst hatte damals keinen besonders starken Markt. Olsen ersteigerte „Sommertag“ ganz legal in einer Osloer Auktion. Er hatte sich damals wohl kaum träumen lassen, welche Schwindel erregenden Höhen diese Kunst einmal erreichen würde.

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