Sommertheater : Verrutscht und verschaukelt

Die Woesner Brothers präsentieren in ihren Auftritten eine gelungene Mischung aus Nonsens und Hochliteratur. Die Bühne befindet sich in einem Kinderspielplatz.

Christine Wahl

„Belüge deine Mama nicht, weil sie sonst das Genick dir bricht“: Ödipal gebeutelte Söhne können viel lernen im trashigen Sommertheaterstück „Körper, Mumien, Welten“ der Woesner Brothers (18., 23. und 25.8., 20 Uhr). Zeitgenossen mit weniger auffälliger Symptomatik hingegen dürfen sich einfach ganz undidaktisch amüsieren über den Nonsens-Humor der Zwillingsbrüder. Am besten bei einem alkoholischen Getränk. Denn albern und bierselig ist er durchaus, der Woesner-Witz – aber keine Sekunde lang doof!

Ingo und Ralph Woesner – Absolventen der Ernst-Busch-Schule, Schauspieler, Regisseure sowie Theaterleiter in Personalunion – verdienen ihr Geld in der Wintersaison als Comedians, um im Sommer in Prenzlauer Berg mit einem kleinen Team ihr eigenes Open-Air-Theater zu veranstalten. Und zwar als veritablen Repertoirebetrieb! Schon ihren dritten „Woesner Brothers Theatersommer“ hauen sie dieses Jahr auf die Kiezbretter des Kinderspielplatz Kolle 37 (Kollwitzstraße 37), der abends zu einer durch die Gebrüder eigenhändig errichteten Bühne mit First-Class-Plätzen unter lauschigen Bäumen mutiert.

Günstig ist das Ganze auch noch: Dienstags bezahlt jeder, was er will. Für Regenabende gibt es eine überdachte Alternative – und da die Woesner Brothers darüber hinaus jedes Jahr eine neue Inszenierung herausbringen, während die Vorgänger im Repertoire bleiben, erreichen sie ein beachtliches Publikumsspektrum. Selbst hartnäckige Sommertheatermuffel sollen hier schon zum Genre bekehrt worden sein. Zum Beispiel der ausgewiesene Bildungsbürger. Der kann sich unter dem Motto „Faust – Die Komödie“ (17., 22. und 24.8., 20 Uhr) herrlich durchgeknalltem Goethe-Trash hingeben. Denn egal, ob sich der vom Plastinator Gunther von Hagens inspirierte „Faust“-Assistent Günter vom Wagen in der nämlichen Kunst versucht oder ob sich Margarete mit unlauteren Absichten und dem Satz „Ich heiße Gretchen – und bin ein der Wissenschaft sehr zugetanes Mädchen“ in die Studierstube einschleicht: Im Gegensatz zu vielen konkurrierenden Saisonveranstaltungen merkt man den feder- und regieführenden Gebrüdern an, dass sie ihren Goethe gelesen haben.

Wen es indes eher zu Shakespeare zieht, der kann unter dem Motto „Romeo und Julius – Manche mögen’s heißer“ (21.8., 20 Uhr) lernen, wie man aus dem Liebestragödienklassiker einen Verwechslungsbrüller macht. Das, was die vereinten Sommertheateranbieter stets von sich behaupten – nämlich „intelligentes Volkstheater“ im Ursinne des Genres zu machen – gelingt den „Woesner Brothers“ spielend. Vielleicht demnächst ja auch – so ihr erklärtes Ziel – ganzjährig in einer winterfesten Spielstätte.

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