Kultur : Sonderkonzert des Orchesters der Deutschen Oper mit Bitte um Frieden

Carsten Niemann

Damals, im fernen, gottesfürchtigen Mittelalter, war es selbstverständlich: Wenn die Heilige Messe gefeiert wurde, ruhten alle Kampfhandlungen. Heute, im sündigen Berlin, musste man bangen, ob das Konzert des Orchesters der Deutschen Oper Berlin mit Beethovens "Missa solemnis" überhaupt stattfinden würde - war der für den folgenden Abend angesetzte Schönberg-"Moses" schon Opfer der Tarif-Kampfhandlungen geworden. Die Blamage eines Konzert-Ausfalls ersparten sich zum Glück alle Beteiligten, wohl auch, weil die Aufführung am Freitag noch beim Bonner Beethoven-Fest vom künstlerischen Niveau an der Deutschen Oper künden soll.

Eine große Verantwortung lag hier bei den Solisten: Noëmi Nadelmann (Sopran), Ulrike Hetzel (Alt), Robert Dean Smith (Tenor) und Franz-Josef Selig (Bass) sind allesamt beglückende Solsiten auf der Opernbühne. Doch in der Missa solemnis gibt es keine großen Soli: hier ist über eineinhalb Stunden Teamgeist und kammermusikalisches Feingefühl erforderlich, während die Stimmen gleichzeitig die gewaltigen Chor- und Orchestermassen durchdringen müssen. Über weite Strecken gelang Christian Thielemann diese Balance - am überzeugendsten vielleicht im Benedictus, wo allerdings die Unsauberkeiten in der Solovioline das Glück empfindlich störten. Prima inter pares war Ulrike Henzel: während Noëmi Nadelmanns strahlender Sopran manches Mal die klangliche Balance durch zu viel Vibrato beeinträchtigte und Franz-Josef Seligs kerniger Sarastro-Bass in der Höhe nicht die gleiche Noblesse erreichte wie in der Tiefe, war es die Altistin, die buchstäblich jeder Note Seele und jedem Ensemble Zusammenhalt verlieh. Und sie war es auch, die sich die Mühe machte, Details wie die Achtelfiguren in der Schlussfuge des Gloria genau locker und präzise artikuliert auszuführen, wie man es von den Sängern des Ernst-Senff-Chores ganz selbstverständlich erwartet.

Wenn die Aufführung zuletzt doch mehr beeindruckte, als dass sie nach Beethovens eigenem Wunsch zu Herzen ging, dann lag das wohl daran, dass Dirigent Christian Thielemann seine Musiker zwar zu durchsichtigen, zügigen und kraftvollem Spiel animiert hatte, dass ihm aber die innigen Momente zu kühl gerieten.

Ein wenig von der Intensität, mit der Ulrike Henzel dem Ruf "miserere" innerhalb von wenigen Takten den Ausdruck von erschreckten Stoßseufzern bis hin zum verzweifelten Aufschrei gab, hätten Chor und Orchester auch den flehentlichen Ausrufen im Dona nobis pacem mitgeben können. Bei den jüngsten Querelen im Haus an der Bismarckstraße könnte eine noch überzeugendere "Bitte um inneren und äußeren Frieden" jedenfalls nicht schaden . . .

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