Kultur : Sonderlinge und Eigentöner

Michael Tilson Thomas & das London Symphony.

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Michael Tilson Thomas dirigiert Copland, Feldman und Ives.Foto: Schelling
Michael Tilson Thomas dirigiert Copland, Feldman und Ives.Foto: Schelling

Wenn es um die amerikanische Musik geht, dann fällt sein Name schneller, als man einen Colt ziehen kann. Die Initialen des Dirigenten Michael Tilson Thomas sind zu einem Markenzeichen geworden: MTT, das steht für einen Musikvermittler von Weltruf. Früh hat man in ihm den legitimen Nachfolger Leonard Bernsteins ausmachen wollen. Diese Begeisterung, dieses sich mit der Musik-identifizieren- Wollen, dieser didaktische Eros. 1971 übernahm MTT Bernsteins Jugendkonzertreihe im Fernsehen– und noch heute denkt er darüber nach, wie man klassische Musik umfassend erlebbar machen kann. Dabei kamen ihm immer auch seine engen Kontakte zu Komponisten entgegen, ob mit Igor Strawinsky, Aaron Copland oder Steve Reich. Tilson Thomas machte sich daran, die amerikanische Identität in ihrer Musik aufzuspüren. Copland, der wie MTT selbst aus einer jüdischen Familie stammt, war dabei so etwas wie ein Ausgangspunkt. Die Musik von Charles Ives sollte folgen, dem großen Vor- und Freidenker, dessen Hauptwerke entstanden, während Ives als erfolgreicher Versicherungsunternehmer arbeitete. All den Stimmen Amerikas, den Sonderlingen und Eigentönern widmet MTT mit seinem San Francisco Symphony Orchestra das Festival „American Mavericks“ – und versetzt damit volle Säle in Begeisterung.

Das London Symphony Orchestra war Anfang der siebziger Jahre der erste Klangkörper, der MTT nach Europa einlud. Seitdem ist man sich innig verbunden – und reist nun zusammen zum Musikfest an. Natürlich mit einem amerikanischen Programm: Von Aaron Copland, der stets den spirit seiner Heimat einfangen wollte, liegen die „Orchestral Variations“ auf den Pulten. Morton Feldman spielt in seinem Werk „Piano and Orchestra“ mit den Klangkonstellationen des Orchesters wie ein abstrakter Maler (Solist: Emanuel Ax). Und schließlich Charles Ives: Mit seiner „A Symphony: New England Holidays“ hat er ein rasend unterhaltsames Werk geschaffen. Die vier Sätze sind nach amerikanischen Feiertagen benannt – und in ihrem Verlauf kann es passieren, dass sich die Wege zweier Marching Bands kreuzen. Ein großes Vergnügen (6. September). Ulrich Amling

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