Kultur : SONG 2, 1997

Es beginnt mit einem stotternden Schlagzeug und nervös dengelnden E-Gitarren-Akkorden, dann schreit Damon Albarn: „Wooooo hoooo!“ Vier mal hintereinander: „Wooooo hoooo! Wooooo hoooo! Wooooo hoooo! Wooooo hoooo!“ Ein Weckruf ist das, Kampfgeheul und Wutschrei, so epochal und unwiderstehlich wie vierzig Jahre vorher das „A Wop Bop a Loo Bop a Wop Bam Boom“ von Little Richard. Blur galten als Britpopband, Betonung auf Pop, im Vergleich mit ihren rüpelnden Rivalen von Oasis wirkten ihre Songs immer ein wenig weicheiig und kunststudentenhaft. Doch mit ihrem fünften Studioalbum, das passend zum Neubeginn einfach nur „Blur“ hieß, vollzog die Band einen Richtungswechsel. Sie hatten den Postrock von amerikanischen Indie-Bands wie Pavement studiert und machten Schluss mit dem immergleichen Songschema von Strophe–Refrain–Strophe. So windschief wie in „Beetlebum“ hatte Damon Albarn noch nie gesungen, Gitarrist Graham Coxon perfektionierte seinen metallisch scheppernden Minimalismus. „Song 2“ ist eine Hymne juvenilen Aufruhrs, ähnlich tauglich für den Pogo-Dancefloor wie „Smells Like Teen Spirit“ von Nirwana, aber weitaus fröhlicher. Rock ’n’ Roll unter Hochdruck. Genial die Zeilen, in denen Albarn seufzend von seinem verwirrten Geisteszustand erzählt, vom Gefühl, von einem Jumbojet gehirngewaschen worden zu sein: „I got my head checked / By a jumbo jet.“ Eine Groteske, die im Geständnis totaler Überforderung endet: „It wasn’t easy / But nothing is.“ Das Leben ist nicht einfach, man muss durchhalten. Ich hätte schwören können, „Song 2“ damals auch im Kino gehört zu haben, im Soundtrack von Danny Boyles Junkie-Klamotte „Trainspotting“. Da stürzt sich Ewan McGregor in seine Kloschüssel und taucht in der Südsee wieder auf. Aber der Blur-Song aus „Trainspotting“ heißt „Sing“, eine Ballade von ihrem Debütalbum. Christian Schröder

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