Kultur : Songs auf dem Vulkan

Vor hundert Jahren wurde Harry Frommermann geboren, Gründer der „Comedian Harmonists“

Thomas Lackmann

Fünf Glücksbringer im Frack, der sechste sitzt am Piano. Trällernd, säuselnd, schmetternd bringen sie zum Lachen, zum Weinen. Zum Schweben. So war das, im Jahrhundert der Diktatoren, 1928 bis 1935. Das ist lang vorbei. Im Mai ’47 wird sich Harry Frohman – einst zartbesaiteter Buffo-Tenor der Comedian Harmonists – erstmals durchsetzen: gegen Robert Biberti, den Bass. Beide Sänger hatten sich seit der Trennung des Ensembles nicht mehr gesehen. Nun kehrt Frohman als Radio Control Officer aus dem Exil zurück. Der Daheimgebliebene soll Tonbandexperte für die RIAS-Unterhaltung werden. Harry lobt bei einer Planungssitzung die Manager-Qualitäten des Mannes und warnt: Innerhalb einer Woche werde der Laden nach dessen Pfeife tanzen. Darauf meint das Gremium, Diktatoren habe man genug gehabt. Biberti, der sich bessere Lebensmittelkarten erhofft hatte, wird abgelehnt. Dass er seinen Ex-Kollegen bis Ende der sechziger Jahre ihre Tantiemen unterschlägt, muss nicht damit zusammenhängen.

Gewöhnlich wird das Schicksal der Comedian Harmonists, die den Zusammenklang von E und U, das ironische Entertainment, die hohe Kunst des Trivialgesanges und klug-beseelte Interpretationen kostbarer Volksweisen neu erschufen, auf einen simplen Nenner gebracht: Die Publikumslieblinge Harry Frommermann (wie er ursprünglich hieß), Robert Cycowski (Bariton) und Erich Collin (2. Tenor) einerseits sowie Bob Biberti, Ari Leschnikoff (1. Tenor) und Erwin Bootz (Piano) andererseits seien durch die Nazis auseinandergebracht worden. Doch verraten haben die drei „arischen“ Gruppen-Mitglieder ihr „Ein Freund, ein guter Freund“-Projekt aus Herrschsucht, Schwäche und Profitgier, nicht erst unter totalitärem Druck.

Der Harmonists-Wohlklang entstand durch endlos harte Proben. Die Gruppendynamik war nicht per Kraftakt zu meistern, den Zusammenhalt sicherten die hohen Einkünfte. Der Bühnenshow sah keiner an, dass Harry, ihr Spiritus rector, von ausgebildeten Kollegen als Autodidakt verachtet und aufgrund seiner Faxenlust gemobbt wurde oder dass die „Arier“ nach 1933 versuchten, das Honorar der „Nichtarier“ zu kürzen. Diese Spannung trat am schärfsten zwischen Frommermann und Biberti zutage, der als Organisator mit dem kreativ-chaotischen Kopf der Truppe konkurrierte und an der Rampe, als dicker Witzbold, mit der Nonsens-Anarchie des kleinen Harry.

Seit 1925 hatte Frommermann, der am 12. Oktober vor 100 Jahren in Berlin geboren wurde, davon geträumt, ein A-Capella-Quartett wie die amerikanischen Revellers zu gründen. Der abgebrochene Textilverkäufer und Schauspieler beginnt, komplexe Partituren für seine Fantasie-Formation zu schreiben, vollgestopft mit Gags, Rhythmus-, Tonart- und Themen- und Genrewechseln, mit Parodien, klassischen Zitaten. Er sucht den neuen Stil der Tongebung und passende Organe: Auf seine Anzeige im Dezember 1927 stehen vor seiner Friedenauer Mansarde 70 Interessenten Schlange, darunter der Opernkomparse Biberti.

Die Struktur der Revellers wird erweitert durch Harry als Buffo und das Klavier als sechste Stimme. Man lernt gemeinsam, Stimmen bis zum Flüstern zurückzunehmen, zu entpersönlichen. Der Start gelingt furios. Den „lawinenartigen Beifall“ beim Auftakt zur ersten Konzerttournee, 1930, erklärt ein Leipziger Rezensent so: „Wunderbar ausgeglichen, wunderbar süß, wunderbar witzig, jedem saß der Schelm im Nacken und jeder legte sein Herz in seine Stimme. Die Schlager wurden zu Kunstwerken.“

Wirtschaftskrise. Songs auf dem Vulkan. Platten, Konzerte, Filme, Europatourneen. 1931 nehmen sie „Das ist die Liebe der Matrosen“ auf, eine Macho-Satire: „Was nützt uns unsre Kraft, Blut ist kein Himbeersaft, die Sache wird schon schiefgehn, jawoll Herr Kapitän!“ Die französische Version wird linksrheinisch zum Hit. Duke Ellingtons Komposition „Creole Love Call“, von der gurrenden, quäkend verzückten Vokal-Band 1933 eingespielt, gilt im „Dritten Reich“ als entartet. Pressionen der NS-Bürokratie verstärken den internen Konflikt. Während einer USA-Tournee verhindert das Veto Bibertis den Neuanfang im Exil. Die letzte Aufnahme vor dem Verbot heißt „Morgen muss ich fort von hier“. Nach der Trennung im März 1935 machen zwei Nachfolgeensembles in Berlin und Österreich/USA weiter: bis 1941. Harry wird noch lange darüber hinaus Revival-Teams rekrutieren.

Wie wenig die Nachkriegsgeneration vom Oeuvre der Comedian Harmonists kannte, können wir uns angesichts zahlreicher Wiederbelebungs-Wellen heute kaum vorstellen. Erst auf Eberhard Fechners Dokumentarfilm „Sechs Lebensläufe“ (1977) folgten neue Editionen und ungezählte neue A-Capella-Truppen. Die Komödie am Ku’damm wuppte den Stoff 1997 und 2005 und Joseph Vilsmaier einen Kinofilm, dessen Plot 1935 abbricht. Die Hommagen bewältigten den historischen Thrill bestenfalls plakativ. Fechners Interview-Erzählung hatte die politisch-private Dimension von Freundschaft und Verrat subtil ineinandergeblendet. Sein Schlussbild zeigt das Volkslied „In einem kühlen Grunde“ als schwarze Schellackscheibe. „Sie hat mir Treu versprochen, gab mir ein’ Ring dabei. Sie hat die Treu gebrochen, das Ringlein brach entzwei.“ Das Kollegen-Szenario weitet sich zur deutsch-jüdischen Freundschaftsbühne, die Tonkonserve kreist als Rad der Geschichte. „Hör ich das Mühlrad gehen, ich weiß nicht was ich will. Ich möcht am liebsten sterben, dann wär’s auf einmal still.“

Frommermanns Opa war Müller in der Ukraine. Eine Schwester starb in Auschwitz. Nach dem Krieg verlässt die Frau des schief gewachsenen Musik-Clowns Harry den Abgebrannten. Als Packer gerät ihm ein Finger in die Maschine. Manchmal flieht er zum Heulen aufs Firmenklo. Export-Import. Hilfsbuchhalter. Taxifahrer. Küchenverkäufer. Magenbluten. Seine Retterin, die Bremer Witwe Erika von Späth, hilft ihm vor Fristablauf beim Wiedergutmachungsantrag. 1953 hatte Harry in den USA Rimsky-Korsakoffs „Hummelflug“ solo eingespielt, Orchester-Imitation auf 20 Tonspuren. Synchronizität ohne Intrigen, der perfekte Klangkörper-Apparat. Diese Harmonie-Utopie fasziniert den Bastler noch in seiner Bremer Mansarde. 1975 weist er, kurz vor seinem Tod, Bibertis Anspruch zurück, Ensemble-Mitbegründer zu sein. „Sei ganz ruhig!“ sind seine letzten Worte an Erika von Späth.

Angefangen hatte die Comedian-Harmonists-Epoche, als der Berliner Synagogenkantor Frommermann seinen Vierjährigen zu Philharmoniker-Proben unter Arthur Nikisch mitnahm. Da hockt Harry zwischen Geigen, Klarinetten, Trompeten. Zu Haus dudelt er manches nach. Wenn Freund Nikisch zu Besuch kommt, brummen die Männer Bach oder Mozart, kombiniert mit „Puppchen, du bist mein Augenstern“. Harry lauscht. Später sagen seine Mitschüler oft: „Mach mal Quatsch, Harry.“ Er kaspert. Will geliebt werden. Wie sein Widerpart, der lustige Biberti. Die Verschmelzung individueller Stimmen zum harmonischen Kollektiv ist dem Jahrhundert der Diktatoren grausam misslungen. Es klingt trotzdem als Jahrhundert der Lieder nach, der unbeirrbaren Hoffnungen und scheinbar federleichten Sehnsüchte. Das ist Kunst.

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