Kultur : Sonne fangen

Wenn es Nacht wird in Peking: der Film „Chen Mo und Meiting“

Christiane Peitz

Kunst kommt manchmal von Scham. Der junge, chinesische Regisseur Liu Hao erzählt von einer peinlichen Begegnung in einem Pekinger Friseursalon, die ihn dazu brachte, diesen Film zu drehen. In solchen Salons arbeiten zahllose, vom Land kommende junge Frauen – sofern sie nicht gleich Prostituierte werden. Das Mädchen, das ihn bediente, forderte ihn auf, seinen Kopf während der Gesichtsmassage an ihre Brüste zu lehnen. Das würde ihm gut tun. Liu Hao erschrak über das Mädchen, genierte sich schrecklich, schloss dennoch die Augen – und genoss es.

Im Film heißt das Mädchen Meiting: Tochter einer jener gebildeten Familien, die während der Kulturrevolution zur Umerziehung aufs Land verschickt wurden. Wie so viele ist sie nirgendwo zu Hause, weder in der Provinz, noch in der Stadt. Eine entwurzelte, verlorene Existenz: glatte Gesichtszüge, raue Hände, schlechte Laune – eine Nervensäge. Als sie dem stillen Bauernsohn Chen Mo über den Weg läuft, der sich in Peking als illegaler Blumenverkäufer verdingt um seinem erblindenden Bruder Geld für die Operation schicken zu können, streiten sich die zwei auf der Stelle. Ein frierendes, keifendes Paar.

Es ist bitterkalt in Peking. Chen Mo und Meiting (Wang Lingbo und Du Huanan) irren durch graue Gassen, tragen dicke Pullover und unförmige Steppjacken. Meiting brüht Chrysanthemen-Blüten im Einmachglas auf und wärmt sich daran. Die beiden teilen sich eine Bruchbude mit Wuchermiete, spielen Karten in der Nacht, mümmeln sich in Schichten von Bettdecken ein. Meiting verliert ihre Arbeit und beißt Chen Mo vor Wut in die Hand. Er lässt es geschehen.

Eine Notgemeinschaft, eine Liebesgeschichte. Mürrisch, anrührend, vergeblich. Das Glück ist eine Chimäre. Manchmal beobachtet die Kamera die beiden durch das Fenster oder den Türspalt ihres Bretterverschlags, fährt zurück, immer weiter zurück, bis in der Dunkelheit nur noch ein schmaler Lichtstreif von der Anwesenheit menschlicher Wesen Zeugnis ablegt. Manchmal steigen Chen Mo und Meiting aufs Dach und fangen mit bloßen Händen die Sonne ein, wenn sie im Großstadt-Smog nicht ohnehin schon ertrunken ist. Und manchmal sind sie einander alles, was man sich wünschen kann: Mamapapakind, Geliebter und Gespielin, Kumpel und Krankenschwester. Sex haben sie nie. Dafür ist es zu kalt. Erst der Tod bringt sie am Ende zusammen, einen kurzen, stillen Moment lang.

Liu Hao hat „Chen Mo und Meiting“ ohne Förderung und ohne Genehmigung auf Video gedreht. Erst die Einladung zum Berlinale-Forum 2002 und die Berliner Produktionsfirma ZeroFilm ermöglichten die Fertigstellung: ein rohes Werk, so ungestüm, trotzig und ungeschönt wie seine Helden. Die feinsinnige, zensurbedingte Symbolik eines Zhang Yimou oder Chen Kaige, der „Fünften Generation“ des chinesischen Kinos, ist deren Nachfolgern fremd. Und doch findet auch Lin Hao eine bewegende filmische Chiffre, wenn er das Paar immer wieder an die Bildränder schiebt. Als täten sich selbst die Bilder schwer, der Sehnsucht von Chen Mo und Meting einen Platz einzuräumen.

In Berlin im fsk. OmU

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