Kultur : Sonnige Abschnitte

Manifest der guten Laune: Wilco und ihr Album „Sky Blue Sky“

Christian Schröder

Der Mann singt in Rätseln. Vom „unmöglichen Deutschland“, das „anders als Japan“ sei. Außerdem geht es um die Liebe, Reiseerfahrungen und die Kunst des Zuhörens. Unter anderem. Der Song fließt gemächlich vor sich hin, ein E-Piano brummt. „The fundamental problem / We all need to face / This is important / But I know you’re not listening“, knarzt der Sänger. Schon wahr: Man muss den Tatsachen ins Auge sehen, das ist superwichtig. Aber wahrscheinlich hört wieder keiner zu. Ein Stream of Consciousness, ein Klagelied. Oder eine Selbstanalyse. Das Stück endet versöhnlich. Die letzte Zeile lautet: „You’ll be listening.“

Womit Jack Tweedy auf jeden Fall recht hat. Mit seiner Band Wilco, 1994 in Chicago gegründet, gehört er zu den einflussreichsten Independent-Musikern der westlichen Hemisphäre, besonders viele Fans hat er in Deutschland. Der 39-jährige Songwriter gilt als Weirdo, als poesiebegabter Eigenbrötler, der die Botschaften seiner Lieder kunstvoll verschlüsselt. Über „Impossible Germany“ sagt er: „Der Song erinnert daran, wie man an einem bestimmten Punkt im Leben aufwacht und sich fragt: Wie bin ich hierhergekommen? Es gibt da ’ne ganze Menge Bedeutungsschichten, politische Elemente und eine historische Komponente, die wichtiger wird, je älter ich werde.“

„Sky Blue Sky“, das sechste Studioalbum von Wilco, ist ein Manifest der guten Laune. Den Titel wirkt wie ein Motto, er beschreibt ganz gut das sonnendurchflutete Grundgefühl der zwölf Lieder, die ihre eigenwillige Schönheit aus den Wurzeln des amerikanischen Rock, aus Blues, Folk, Country schöpfen. „Americana“ nennt man diese Musik gerne, ein Begriff, der eigens für Wilco hätte erfunden werden können. Es geht – ähnlich wie bei Calexico, den Walkabouts oder Conor Obersts Bandprojekt Bright Eyes – nicht darum, auf Traditionen zu beharren. Traditionen müssen gebrochen werden, damit sie überleben können.

Die Platte beginnt mit einem Wetterbericht: „Maybe the sun will shine today / The clouds will blow away.“ Das Lied heißt „Either Way“, aus Lagerfeuergitarren und betörend schwelgenden Geigen erhebt sich eine hymnische Melodie. Im Titelsong schildert Tweedy zur selig schunkelnden Slide-Gitarre ein Erweckungserlebnis: „Oh, I didn’t die / I should be satisfied / I survived.“ Hinter ihm liegt eine schwere Krise, „Sky Blue Sky“ markiert den Neuanfang. Vor drei Jahren, kurz vor Veröffentlichung des letzten Wilco-Albums „A Ghost Is Born“, lieferte der Sänger sich selber in die Psychiatrie ein. Er litt unter Angstzuständen und Depressionen, die zu einer schweren Medikamentenabhängigkeit geführt hatten.

Tweedy ist nicht geheilt, aber wieder zuversichtlich. „Ich weiß jetzt, dass es schlimmere Dinge gibt, als depressiv zu sein“, sagte er dem „Rolling Stone“. „Ich weiß, wie sich der Zustand anfühlt, und sosehr er einem momentan Angst macht: Ich weiß, dass er vorübergeht.“ Eine Gelassenheit, die auch aus „Sky Blue Sky“ spricht. Die Postrock-Ausbrüche und lärmenden Kraftmeiereien früherer Werke sind vorbei, die Platte enthält ausschließend Balladen und Midtemponummern, kein Stück ist länger als sechs Minuten.

Die Band ist zum Sextett angewachsen, aufgenommen wurde, wie bei allen Wilco-Platten, im gruppeneigenen Studio „The Loft“ am Irving Park in Chicago. Ein Foto im CD-Booklet zeigt Tweedy und seine Mitstreiter im Studio, umgeben von Instrumenten, analogem Equipment und abgetretenen Perserteppichen. Ein Bild wie aus den siebziger Jahren, der goldenen Ära des US-Folkrock. So klingt „Sky Blue Sky“, eine Platte voller bittersüßer Ohrwürmer, Spielfertigkeit und Neil-

youngismen, tatsächlich: altmeisterlich.

Wilco spielen am 24. Mai in der Berliner Kulturbrauerei.

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