Kultur : Sonnige Tage

Zum Jubiläum: Hohe Preise und glänzende Verkäufe in der Villa Grisebach.

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Heftig umworben. Drei Bieter trieben Wassily Kandinskys Aquarell „Ringsum“ (1924) auf einen Spitzenpreis von 1 281 000 Euro. Foto: Villa Grisebac / VG Bildkunst, Bonn 2011
Heftig umworben. Drei Bieter trieben Wassily Kandinskys Aquarell „Ringsum“ (1924) auf einen Spitzenpreis von 1 281 000 Euro. Foto:...

Eine wohltemperierte Farbklangmaschine hat Wassily Kandinksy 1924 entworfen. Das Aquarell „Ringsum“ mit seinen Maßen von 41 mal 31 Zentimetern war in der Abendauktion der Villa Grisebach auf einen Mittelwert von 400 000 Euro taxiert. Da mischte sich ein neuer Konkurrent in den Schlagabtausch zwischen einem Telefon-Bieter und einem potenziellen Käufer in der ersten Reihe. Das entzückende Blatt aus der Hochphase des Russen und mit der typisch rhythmisierten Abstraktion löste ein heftiges Ringen aus; zuletzt in Zehntausenderschritten. Der Schweizer Privatsammler bewies den längsten Atem und bekam den Zuschlag bei 1 050 000 Euro. Inklusive Aufgeld macht das 1,28 Millionen Euro, und fast hätte Kandinskys Aquarell dem Hauptgemälde die Schau gestohlen.

Emil Noldes „Sonnenblumen im Abendlicht“ hatte man 1,2-1,5 Millionen zugetraut. Die Grisebach-Repräsentantin für Bayern gewährte die untere Taxe im Auftrag einer süddeutschen Privatsammlung – ohne Widerspruch. Für ein Bild mit eher geringer Strahlkraft allemal ein stolzer Preis von mehr als 1,46 Millionen Euro. Doch das war noch nicht das Ende des Millionenreigens. Schließlich ging es um 71 „Ausgewählte Werke“ und um das Jubiläum der Villa Grisebach. Das attraktive Angebot, das das Auktionshaus in der Fasanenstraße anlässlich seines 25-jährigen Bestehens zusammengetragen hatte, lockte denn auch ein ausgesprochen aktives Sammlerpublikum. Die gute Stimmung, überraschende Steigerungen und spannende Bietgefechte bescherten vor allem der Klassischen Moderne ein Fest.

Max Beckmanns Zirkusszene, in der ein Elefant mit seinem Rüssel einen Clown umarmt, trug mit einem Zuschlag von glatt einer Millionen Euro (brutto 1 220 000 Euro) ebenso dazu bei wie Ernst Ludwig Kirchners „Violinistin“, die mindestens 500 000 Euro einspielen sollte und das Doppelte nur knapp verfehlte. Mit dem Aufgeld konnte Kirchners Spätwerk die Millionengrenze aber ebenfalls überschreiten. Paul Klees „Merkblatt“ – kraftvoll schwarze Kürzel, 1938 mit Kleisterfarbe auf Zeitungspapier gesetzt – schraubte sich von 80 000 auf einen Hammerpreis von 310 000 Euro, Kandinskys frühes, kleines Ölbild „Rapallo – Boot im Meer“ sicherte sich eine hessische Sammlung für 671 000 Euro weit über der Schätzung, die auch Hermann Max Pechsteins „Sonniger Wintertag“ mit 610 000 Euro (nach Aufgeld) hinter sich ließ. Dominiert wurde die Hauptauktion von internationalen Privatsammlern, die die glänzende Offerte bis auf lediglich acht Losnummern würdigten. Einhelligen Zuspruch erfuhr die zeitgenössische Kunst. An der Spitze Gerhard Richter (200 000 Euro) und Sigmar Polke (220 000 Euro), für die zwei griechische Privatsammler Hammerpreise im Rahmen der Schätzung bewilligten. Allein die „Ausgewählten Werke“ erlösten 17,7 Millionen Euro.

Bereits am Vortag hatten das 19. Jahrhundert und Florian Illies ihr viel beachtetes Debüt. Wer bislang glaubte, Berlin sei als Kunstmetropole vor allem auf Zeitgenossen abonniert, musste sich von erfolgreicher deutscher und französischer Romantik eines Besseren belehren lassen. Die Sparte zählt zwar nicht zu den Marktfavoriten, und entsprechend wurden andere Preismargen verhandelt. Doch der bis auf den letzten Stehplatz gefüllte Saal zeugte von erstaunlichem Interesse. John Constables kleine „Englische Landschaft“ konnte im Rahmen der oberen Schätzung für 58 000 Euro zugeschlagen werden, und gleich im Anschluss sorgte ein Dresdner Romantiker für die erste Überraschung. Wurde doch die Schätzung von 8000 Euro für einen „Sonnenuntergang“ des unbekannten Malers mit 34 000 Euro (netto) mehr als bestätigt. Die dreifache Taxe erzielte Friedrich Nerlys „Forum Romanum“, das sich seit 1832 in einer Hamburger Privatsammlung befand. Die nuancierte Landschaft steigerte ein süddeutscher Sammler von 50 000 auf insgesamt 210 000 Euro.

Sechsstellige Zuschläge gab es außerdem für eine Kreidezeichnung von Daumier (100 000 Euro) und Reinhold Begas „Pan als Lehrer des Flötenspiels“. Für die beeindruckende Skulptur (um 1858) aus Carrara-Mamor setzte die Siemens-Kulturstiftung 140 000 Euro ein, um sie künftig im Begas-Haus in Heinsberg zu zeigen. Bei einer Verkaufsquote von über 80 Prozent wurden die unteren Erwartungen von 990 000 Euro auf 1,45 Millionen Euro angehoben. Ein gelungener Einstand für den jüngsten Grisebach-Partner, und Illies ist sicher: „Das 19. Jahrhundert steht am Anfang einer Neubewertung.“

Die Auftaktveranstaltung schien zunächst auch die Fotografie zu beflügeln. Der Saal war gut besucht und von 177 Losen konnten 114 veräußert werden. Allerdings war das obere Limit mit einem Hammerpreis von nur 15 000 Euro für Thomas Ruff erreicht. Insgesamt bleibt die Fotografie mit einem Bruttoumsatz von 445 000 Euro weiter rückläufig. Was die Gesamtstimmung jedoch kaum trübte. Mit einem Erlös von über 19,7 Millionen Euro nach drei von sechs Versteigerungen war schon am Donnerstag fast die mittlere Gesamtschätzung von 22,6 Millionen Euro erreicht. Verbleiben noch etwas mehr als 1000 Losnummern der Auktionen mit klassischer Moderne und Kunst nach 1945. Beide dürfen die Bilanz noch einmal kräftig heben.

Villa Grisebach, Fasanenstr. 25; Auktion Third Floor (Schätzwerte bis 3000 Euro): heute, um 10 & 14.30 Uhr

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