Sonntagsfrage : Darf ich ein Taschentuch reichen?

Auf einem achtstündigen Transatlantik-Flug saß ich neben einem Herrn, der sich permanent die Nase hochzog, wirklich alle paar Minuten. Es war ekelig und laut. Neben ihm saß seine Frau und sagte gar nichts dazu. Hätte ich, obwohl deutlich jünger, ihm ein Taschentuch reichen dürfen?

Elisabeth Binder

Etablierte Beziehungen kommen immer mal an einen Punkt, an dem sich die Beteiligten fragen, wozu ist die Ehe eigentlich gut. Da gibt es viele Antworten drauf, eine mögliche lautet so: In einer vertrauten Beziehung gibt es immer ein Korrektiv, das einen gesellschaftsfähig hält, wenn man selber seine Macken nicht mehr erkennen kann. Das funktioniert aber nur dann, wenn man nicht nebeneinanderher lebt wie zwei alte Latschen. In diesem Fall wäre es durchaus richtig gewesen von der Ehefrau, den Mann mal anzustupsen und zu sagen: „Du nervst. Schnäuz dir doch mal anständig die Nase.“ Aber vielleicht war sie schon so abgestumpft von dieser Marotte ihres Mannes, dass sie das Nasehochziehen gar nicht mehr gehört hat.

Wenn es sich um ein asiatisches Ehepaar handelte, war es richtig, nicht zu intervenieren, da es sich dort nicht gehört, sich in der Öffentlichkeit die Nase zu putzen. In diesem Fall wäre es auch nicht ganz korrekt gewesen, dem Sitznachbarn ein Taschentuch zu reichen. Bei einem Europäer hätte ich da keine Bedenken. In jedem Fall hätten Sie nachfragen können: „Das hört sich ja grausam an. Sind Sie sehr krank? Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ Alles, was den nervigen Nachbarn auf höfliche Weise darauf aufmerksam macht, dass er mit seinen Geräuschen stört, ist gut. Sitzt man am Gang, kann man fragen, ob man vielleicht aufstehen soll, damit er zur Toilette kann, um seine Atemwege zu reinigen. Gerade wo Menschen über einen längeren Zeitraum dicht nebeneinander ausharren müssen, ist größtmögliche Rücksichtnahme angezeigt. Die kann man durchaus auch einfordern.

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