Sonntagsinterview : "Ich kann nicht mehr, hilf mir doch!"

Von stillen Gebeten, Albträumen, Galgenhumor und Angela Merkel in der Wolke: Jürgen Leinemann über seine schwere Krankheit – und warum er Fußball liebt.

von und Kurt Röttgen
Leinemann
Jürgen Leinemann. -Foto: Mike Wolff

Herr Leinemann, wie geht es Ihnen?

Passabel. Ich bin dabei, mich mit meinen Beschränkungen einzurichten. Das dauert. Aber viele Veränderungen zum Guten hin sind kaum noch zu erwarten.

Wir haben Sie im Frühjahr 2008 im Krankenhaus besucht, ehrlich gesagt: Dagegen sehen Sie heute richtig gut aus.

Damals hatte ich gerade eine Lungenentzündung hinter mir, am Herzen hatte ich so ein Vorhofflattern, mein Gehirn war mangelhaft durchblutet – ich war ganz langsam am Verblöden. Ich dachte, ich würde nicht mehr lange leben. Und ich wollte auch sterben – ja, das war so. Jetzt habe ich mich eingependelt auf einen Zustand der Einschränkung.

Sie meinen den Infusionsgeräteständer, den Sie hier in Ihrer Charlottenburger Wohnung mit sich herumschieben. Daran baumeln Beutel mit Flüssigkeiten.

Daraus werde ich mit allem versorgt, mit Essen und Trinken, das ist mein Lebensrest. Ich hänge da drei Mal am Tag dran für je anderthalb Stunden. Mit solchen Sachen muss ich mich eben langsam abfinden.

In Ihrem neuen Buch „Das Leben ist der Ernstfall“ schreiben Sie: „Oh Herr, gib mir Geduld, aber schnell!“

Ein Witz, aber er beschreibt meinen Grundcharakter. Ein bisschen ruhiger bin ich jedoch schon geworden.

Mit der Diagnose inoperabler Zungengrundkrebs begann im Mai 2007 Ihr Leidensweg: Strahlen- und Chemotherapie, Not-OP wegen Bauchfellentzündung, Herzschrittmacher, Lungenentzündung, Kieferoperation, Magengeschwür, Ohrenentzündung. Nach einem Luftröhrenschnitt brauchen Sie eine Kanüle zum Sprechen, über eine Magensonde werden Sie künstlich ernährt, Sie haben Diabetes. Denken Sie manchmal: Was kommt wohl jetzt noch?

Eine Weile habe ich geglaubt, es hört überhaupt nicht auf. Es kam immer noch etwas anderes hinterher. Ich war doch nicht Hiob. Mein Immunsystem ist so geschwächt, dass ich anfällig bin für Infektionen jeder Art. Ich habe dauernd mit etwas zu rechnen. Meine Krebsärztin sagte mir vergangene Woche: „Der Krebs selbst ist im Augenblick Ihr kleinstes Problem.“

Weil Sie nur schwer atmen konnten und unzureichend mit Sauerstoff versorgt wurden, musste bei einem Eingriff ein Luftröhrenschnitt gemacht werden. Sie waren darauf nicht vorbereitet, wachten auf und konnten nicht mehr sprechen.

Das war das Schlimmste überhaupt. Es ist heute noch furchtbar, wenn ich daran denke. Ich hatte solche Angst, so weiterexistieren zu müssen – ohne Sprache! Sprache war doch mein Leben.

Seitdem arbeiten Sie mit einer Logopädin an der Beweglichkeit von Zunge und Kiefer. Wie ist das, wenn man sich nur durch ein hornförmiges Plastikteil verständigen kann?

Ich fühle mich verkrüppelt. Meine Stimme ist mir fremd geworden.

Die klingt durchaus noch nach Jürgen Leinemann.

Das sagen alle, auch meine Angehörigen. Ich kann das nicht nachempfinden. Es ist nicht meine Stimme, sie gehört nur inzwischen zu mir.

Strengt Sie das Sprechen an?

Ja, oft. Im Moment bin ich mit der Luft gut eingestellt, so zwei Stunden können wir wohl miteinander reden.

In Ihrem Buch fragen Sie: „Welchen Sinn macht ein immer eingeschränkteres Leben noch?“

Ich muss mir den Sinn selber machen. Ich bestimme, was der Sinn meines Lebens ist. Ich möchte noch arbeiten, denke über ein neues Buch nach. Und meine Familie, die Freunde, das ist mir alles viel wichtiger als früher. Sie sehen ja gerade, ich bin auch sehr anfällig geworden für Gefühlsausbrüche, mir kommen sofort die Tränen. Früher habe ich nur geheult, wenn ich im Kino saß und die Sonne unterging. Das habe ich aufs richtige Leben ausgeweitet.

Genieren Sie sich, vor anderen Menschen zu weinen?

Am Anfang war es mir sehr peinlich, und das ist es manchmal immer noch. Weil ich so viel von mir offenbare. Ich erlebe es als Kontrollverlust. Ich hatte vorher gelernt, dass ich mit meinen Gefühlen offener umgehen müsste, aber nun habe ich sie fast nicht mehr im Griff. Und das ist mir unangenehm. Nun, es ist Teil meiner Behinderung.

Sie waren ein sehr erfolgreicher Journalist. Bei Ihrem Abschied vom „Spiegel“ hielt Gerhard Schröder die Laudatio, Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier und das halbe Bundeskabinett waren unter den 450 Gästen. Was vermissen Sie am meisten?

Die Aufmerksamkeit und das Gefühl, mittendrin zu sein. Auch dieses Gekanntwerden habe ich sehr gebraucht. Es gab ja stets diese Rückmeldungen, dass ich wichtig bin. Das habe ich alleine offenbar nicht fertig gekriegt. Dazu waren andere nötig. Ich bin sicher, dass jeder dafür andere braucht, aber bei Menschen in diesem Beruf ist der Narzissmus viel ausgeprägter.

Ein Grund, warum Sie das Buch über Ihre Krankheit geschrieben haben?

Es wäre ein positives Echo, wenn Leute sich melden und sagen: Ihr Buch hat mir geholfen. Aber in erster Linie habe ich es für mich geschrieben. Ich musste mit mir, mit diesem ganzen Durchdrehen fertig werden. Ich wollte Entlastung haben.

Und war das Schreiben eine Entlastung?

Selbst wenn ich große Schmerzen hatte, habe ich mich an meinen Computer gesetzt und weitergemacht. Das hat mich entspannt und abgelenkt.

Bei vielen Krebskranken verändert sich das Äußere stark, bei Ihnen kaum. Hilft das?

Manchmal. Ein bisschen. Aber meine äußere Erscheinung ist mir nicht mehr so wichtig. Ich kenne das noch von früher, wenn ich erkältet war, dann sah ich aus wie das blühende Leben, wie alle sagten – und ich fühlte mich beschissen. So ist das jetzt wieder. Es kann sein, dass ich auf Komplimente etwas gereizt reagiere.

Gibt es wegen der Behinderung eine Scheu, unter Menschen zu gehen?

Wenn es drei oder vier sind, ist das okay. Aber eine größere Ansammlung wird mir schnell zuviel. Ich bin dafür zu langsam, körperlich, sprachlich, gedanklich. Das ist mir lästig. Ich bin nicht mehr schlagfertig, auch nicht mehr witzig.

Schlucken macht Ihnen große Mühe. Manchmal nehmen Sie etwas Wasser in den Mund, um ihn anzufeuchten, und spucken es wieder aus. Sie schauen anderen nur noch zu beim Essen und Trinken. Fehlt Ihnen das Schmecken, der Genuss?

Nicht, wenn ich beim Essen dabei sitze und zusehe. Manchmal habe ich Lust auf Käse oder Spaghetti Carbonara oder Bratkartoffeln – auf Rustikales, Deftiges. Doch das ist eher selten.

1995 haben Sie den Fernsehjournalisten Hanns Joachim Friedrichs interviewt, eine Woche vor seinem Tod. Am schlimmsten, erzählte er, „sind die langen Nächte, da lieg’ ich wach oder versuche, meine wilden Träume einzufangen“. Kennen Sie das?

Ja, ja. Nicht mehr regelmäßig, aber an den Tagen, wenn es mir schlecht geht. Da liege ich auch wach und fange meine wilden Träume ein. Die wachsen sich immer zu Albträumen aus. Es gibt ein Tribunal oder eine Verschwörung, und ich stehe im Mittelpunkt. Als Täter oder als Opfer, mal so, mal so.

Sie berichten in Ihrem Buch mehrfach von Wahnvorstellungen, Schreckensbildern, geistiger Verwirrung. Hatten Sie tatsächlich Sorge, den Verstand zu verlieren?

Die Angst wurde sogar sehr stark. Am Anfang habe ich ja nur alleine gemerkt, dass ich mal Sachen gesagt habe, die ich gar nicht sagen wollte. Und dann habe ich es nicht mehr gemerkt. Man sagt das ja vom Altersschwachsinn: Erst merkt man es selber, dann merken es auch die anderen, und irgendwann merken es nur noch die anderen. Davor hatte ich eine irrsinnige Angst.

Erinnern Sie sich an so eine Situation?

Als mir meine Tochter im Frühjahr 2008 erzählte, ich sei mit einem Artikel für den Henri-Nannen-Preis nominiert, habe ich gesagt, das fände ich schön. Und einen Moment später meinte ich zu ihr, dann muss ich jetzt sofort den Uli Hoeneß anrufen. Der muss nochmal Standards mit mir üben, Ecken und Freistöße! So verrücktes Zeug hab ich erzählt. Bis nach dem Luftröhrenschnitt mein Hirn wieder ausreichend durchblutet war.

Der Regisseur Christoph Schlingensief schreit in seinem Buch „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“ seine Wut und seinen Schmerz über seine Krebserkrankung heraus. Friedrichs hingegen war eher gelassen. Wie war das bei Ihnen, als Sie den Befund erhielten?

Die Erkenntnis, dass ich früher sterben muss, hat mich nicht umgehauen. Da ging es mir wie Hajo Friedrichs, der gesagt hatte: Wer wird schon 68? Und ich war bereits 70. Ich dachte, ich habe ein tolles Leben gehabt und das ist in Ordnung so. Und nun lebe ich mit der Erinnerung an ein Leben, das reicher war als das jetzige.

Wenn Sie wach liegen, grübeln Sie da mehr über das gelebte Leben oder über das, was noch kommt?

Nur über das gelebte Leben. Das, was noch kommt, erscheint als drückende Schmerzen und Ängste. Mir einen schönen Lebensabend ausmalen, wie die Enkelkinder groß werden, das tue ich kaum.

Es gibt dann nichts, womit Sie sich Hoffnung machen können, eine kleine Freude?

Ich versuchte mich manchmal an Sylt zu erinnern, an die schönen Urlaube dort mit meiner Frau, die Spaziergänge und Gespräche. Das hat eine Weile geholfen, aber nicht viel.

Sie sinnieren häufig darüber, ob Ihnen eine falsche Lebensführung den Krebs eingebracht hat. Es scheint mitunter, als empfänden Sie die Erkrankung als eine Quittung des Schicksals.

Ich bin nicht bereit, mir alle Schuld an meiner Krankheit selber anzulasten. Doch ich mache mir Gedanken, ob da so etwas ist.

Man solle den Krebs einfach als Krankheit begreifen lernen, er sei weder Fluch noch Strafe, schreibt Susan Sontag in ihrem Essay „Krankheit als Metapher“.

So sehe ich das auch. Aber ich bin doch an meinem eigenen Leben beteiligt. Da hat Frau Sontag vielleicht einiges verdrängt. Ich weiß doch, die Art, wie ich gearbeitet habe, die hatte etwas Maßloses, es war immer: zu viel, zu sehr. Ohne Rücksicht auf mich selber. Das hatte Suchtcharakter.

Sie schrieben 1987 in einem Porträt über den CDU-Politiker Uwe Barschel: „Wie kann jemand, der keine Rücksicht auf sich nimmt, Rücksicht auf andere nehmen?“

Das mit der Rücksicht habe ich kapiert, als ich 40 war, als mich der Alkohol fast ruiniert hatte. Doch die Arbeitswut ist geblieben. Ich habe ja auch nicht damit aufgehört, als ich 2001 vier Bypässe am Herzen gekriegt habe. Drei Jahre vorher bin ich beim „Spiegel“ noch Berliner Büroleiter geworden, eine ungeheuer arbeitsintensive Zeit, und ich dachte, wenn das jetzt das Ende ist, dann ist das die Folge davon. Aber ich habe es nicht bereut, das war schon in Ordnung so.

Ihr eigenes Suchtverhalten und das von Politikern ist gewissermaßen Ihr Lebensthema. Sie brauchten vor über 30 Jahren eine Flasche Wodka am Tag, Politiker halten Sie für süchtig nach Macht und Bedeutung. Sehen Sie in Berlin jemand, auf den das nicht zutrifft?

Steinmeier würde ich den Absprung zutrauen. Der ist nicht so ein narzisstischer Typ, der dauernd Zuspruch von außen benötigt. Auch bei zu Guttenberg habe ich das Gefühl, er ist so selbstbewusst, wie er sich gibt. Das hat mit den Männern in seiner Familie zu tun, die gestandene Kerle waren, wichtige Vorbilder. Der Großvater, auch der Vater.

Wobei Steinmeier Zuspruch brauchen könnte. Er ist der Watschenmann fast aller Medien.

Selten ist ein Politiker so durchgehend unfair behandelt worden wie er.

Ganz im Gegensatz zu Angela Merkel. Warum werden die beiden unterschiedlich wahrgenommen?

Weil Sie die Kanzlerin ist und er der zweite Mann. Das war er bei Schröder, das ist er bei Merkel. Aus dieser Rolle kommt er nicht raus. Mehr Charisma als Steinmeier hat Merkel ja auch nicht.

Sie trafen Merkel erstmals 1990, als sie Wahlkämpferin des Demokratischen Aufbruchs war. „Verlegenheit und Eifer“, schrieben Sie, „röteten ihr rundes Mädchengesicht.“ Wie sehen Sie sie heute?

Merkel hat sich dem Machtgefüge angepasst, wie sie es bei Helmut Kohl gelernt hat. Sie hat sich angewöhnt, ihren Weg allein zu gehen und durchzusetzen, immer vorsichtig zu sein, auch misstrauisch, nicht zu viel von sich zu zeigen, alles unter Kontrolle zu haben.

Die Kanzlerin ist immer in Deckung.

Ja, aber nicht hinter einer Mauer, sondern in einer Wolke. Sie hat sich wie der alte Zeus, aus Selbstschutz sozusagen, in eine Wolke gehüllt, nur kommen da keine Blitze raus.

Beiträge über Merkel fallen positiver aus als über Steinmeier, weil …

… Journalisten gern auf der Seite der Sieger sein wollen.

Im Regierungsviertel gilt die Devise: Je bedeutender die Leute sind, über die ich berichte, desto bedeutender bin ich?

So ist es. Man muss schon sehr abgeklärt sein, um diesen Mechanismus zu durchschauen und hinter sich zu lassen. Ich sage aber nicht, dass es das nicht auch gibt.

An wie viele Kolleginnen und Kollegen denken Sie da, denen Sie bei der Arbeit rund um den Reichstag begegnet sind?

Höchstens fünf bis zehn – von etwa 300.

Internet, Globalisierung und Anzeigenkrise haben den Journalismus verändert. Was fällt Ihnen besonders auf?

Die Medienwelt ist vielfältiger geworden, sehr viel schneller. Und sehr viel oberflächlicher. Ich vermisse bei vielen Journalisten eine Haltung. Damit meine ich: Ernsthaftigkeit. Für irgendetwas Besonderes einzutreten, es wichtig zu finden. Ich vermisse Leidenschaft.

Auch beim „Spiegel“, für den Sie jeden bedeutenden deutschen Politiker der letzten 35 Jahre porträtiert haben?

Der „Spiegel“ gefällt mir schon noch. Aber natürlich ist er nicht unbeeinflusst geblieben von dem, was ich über die Entwicklung der Medien sage.

Kritiker werfen dem Blatt vor, es sei beliebiger geworden, weniger investigativ, es mangele ihm an klaren politischen Analysen.

Die neue Chefredaktion ist sehr auf investigative Geschichten aus. Das andere kann ich nicht bestreiten.

Welche beruflichen Beziehungen haben den Abschied vom „Spiegel“ überdauert? Melden sich Politiker bei Ihnen, schicken Genesungswünsche oder besuchen Sie?

Gerhard Schröder war eine Stunde bei mir. Auch Hans-Jochen Vogel, Erhard Eppler, Klaus Bölling, Uwe Heye und Thomas Steg haben mich besucht.

Alles Sozis.

Die sind eben solidarischer. Aber CSU-Chef Horst Seehofer hat auch angerufen.

Die Achtundsechziger zählen Sie in Ihrem Buch zu den großen Enttäuschungen Ihres Lebens. Warum?

Weil ich gedacht habe, sie hätten einen Reifeprozess durchgemacht, wären erwachsene Menschen geworden. Dabei waren viele in ihrem Verhalten Kinder geblieben. Über Lafontaine müssen wir da gar nicht erst reden, aber auch Schröder war in den Anfangsjahren der rot-grünen Regierung dem Amt nicht gewachsen. Da ging es vor allem um Äußerlichkeiten…

… Brioni-Anzug und dicke Zigarren …

… und weniger um klare politische Konzepte. Doch Schröder hat was nachgeholt, er ist im Amt erwachsen geworden. Andere hingegen sind so geblieben, wie sie waren.

Wen meinen Sie?

Joschka Fischer zum Beispiel. Seine Unreife zeigte sich in seiner blöden Lauferei und der Art, wie er mit Journalisten und mit Frauen umging. Abwertend, herablassend. Und benutzend.

Das deutsche Gesundheitswesen ist seit Jahren in der Diskussion. Nach einem Dutzend Klinikaufenthalten könnten Sie ein Buch darüber schreiben. Wie würde die Bilanz ausfallen?

Alles in allem ist es besser als sein Ruf. Ich habe erstaunliche Beispiele von Hilfsbereitschaft und guter Behandlung erlebt. Es gibt aber auch diese akademische Medizin, die forschungsintensiv ist, die in Gesundheitsfabriken Krankheiten behandelt, nicht Kranke. Die habe ich auch kennengelernt. Da zählt der Mensch nur als Symptomträger, sonst stört er.

Wo haben Sie diese Erfahrung gemacht?

Speziell im Berliner Virchow-Klinikum, wohin ich wegen des Vorhofflatterns am Herzen überwiesen worden war. Nach dem Eingriff war aufgrund meiner allgemeinen Schwäche an eine Entlassung nicht zu denken, doch den komplexen Krankheitshintergrund nahmen die Fachleute in der Herzabteilung überhaupt nicht wahr. Obwohl alles in der Krankenakte stand. Für die war ich ein Störfaktor. Sie traten arrogant auf und es war ihnen egal, dass ich nur die Hälfte von dem verstand, was sie mir erzählten. Einer von den jungen, smarten Ärzten, die sich auf ihr Spezialistentum unheimlich viel einbilden, sagte mir sinngemäß: Ein besonderer medizinischer Aufwand lohne sich ohnehin nicht mehr. In beiden Lungenflügeln würden Metastasen vermutet.

Was sich als falsch erwiesen hat. Wie lange waren Sie dort?

Neun Tage. Geholfen hat mir ein Arzt, dessen Namen ich leider nicht erfahren habe. Er sagte meiner Tochter: „Hier kann man der Krankheit Ihres Vaters nicht gerecht werden. Er muss in ein kleines Haus, wo die Ärzte der verschiedenen Disziplinen beim Mittagessen ihre Erfahrungen austauschen. Und zwar bald.“ Darum hat er sich dann selbst bemüht.

Der Ton in Uni-Kliniken, schreiben Sie, sei rau und das Tempo hoch.

Wenn es auf die Pflege ankommt, dann bist du in konfessionellen Häusern besser aufgehoben. Das gilt für die katholischen wie für die evangelischen. Die Schwestern, aber auch die Ärzte, haben einfach ein anderes Menschenbild.

Christoph Schlingensief hat nach eigenem Bekunden oft gebetet, was er ewig nicht getan hatte. Auch Sie kennen die Verzweiflung, Sie wollten sterben – „dringlicher denn je!“ Konnten Sie beten?

Ja, manchmal war das ein Trost, aber nicht sehr häufig. Ich bin an sich kein gläubiger Mensch, doch da ist dann einfach die völlige Ohnmacht, dass du weißt, du bist alleine und du bist der Situation nicht gewachsen. Daraus wächst die Sehnsucht nach Hilfe. Ich habe ja nicht zu dem alten Mann mit dem Bart gebetet, sondern zu einer Kraft, die größer ist als ich, stärker als ich, die stärker ist als alles. Es ist bei mir auch kein normales Beten, eher ein intensives Denken in der totalen Verzweiflung: Ich kann nicht mehr, hilf mir doch!

Haben Sie beim Beten manchmal gedacht: Was machst du da eigentlich?

Es ging mir alles mögliche durch den Kopf. Ja, willst du jetzt Geschäfte machen? So nach dem Motto, wenn du mir hilfst, dann sorge ich jeden Tag für arme Leute. So war das bei mir nicht. Ich habe schon auf die Form geachtet.

Der Dichter Robert Gernhardt ist seiner Krankheit mit Ironie begegnet, er schrieb Dialoge wie: „Gut schaust du aus!“ – „Danke! Werds meinem Krebs weitersagen. Wird ihn ärgern.“ Können Sie das, hilft das?

Ja, ich kann das, aber in mir drin. Ich habe das nicht öffentlich gemacht, weil ich weiß, das erschreckt andere. So wie Nestroy sagt: „Wenn alle Stricke reißen, hänge ich mich auf.“ Die meisten Menschen finden solchen Galgenhumor etwas unernst, blasphemisch. Dabei hänge ich ja hier an einem Galgen. (Leinemann zeigt auf den Infusionsgeräteständer.)

Wie ging es Ihnen, als Sie in diesem Frühjahr erfuhren: Mein Krebs ist weg!

Ich habe es gehört, ich habe gedacht, wie schön. Da war eine große Erleichterung, aber in Wahrheit habe ich es nicht geglaubt. Ich dachte wohl, der ist nicht weg, der versteckt sich nur. Auch heute bin ich mir noch nicht sicher, ob er wirklich weg ist.

Günter Grass hat unlängst gesagt, wenn er unheilbar krank sei und das mit körperlichen Schmerzen verbunden wäre, werde er das Leiden abkürzen. Wie werden Sie sich entscheiden, falls der Krebs zurückkehrt?

Ich weiß das überhaupt nicht. Es kann ja sein, dass sie irgendwann sagen: Er ist wieder da. Was soll ich da machen? Noch mal die Bestrahlung auf mich nehmen, noch mal die Chemotherapie? Oder ob ich sagen soll, ich lass es laufen? Aber dann wüsste ich gern, wie es läuft, wenn es zu Ende geht. Ich weiß es aber nicht.

Sie haben Ihrer Frau versprochen, sich nicht umzubringen.

Ich habe es ja früher versucht, gegen Ende meiner Trinkerzeit, vor 33 Jahren, und ich habe ihr gesagt, nein, das mache ich nicht noch mal. Das tue ich dir nicht an, den Kindern nicht, den Enkeln nicht.

Sie haben das Buch „Tanner geht“ von Wolfgang Prosinger zitiert. Er beschreibt einen Mann, der an Parkinson, Krebs und Aids erkrankt ist und beschließt: In vier Monaten werde ich in die Schweiz zu Sterbebegleitern fahren und meinem Leiden ein Ende setzen.

Ich kann diesen Mann verstehen, ich hätte wohl nicht die Kraft dazu. Aber ich habe das mit Respekt gelesen und mit Bewunderung. Es ist ein unheimlich gutes Buch, ehrlich und fair, ohne einen Hauch von Denunziation dem Kranken gegenüber.

Dem Anhang Ihres Buches ist zu entnehmen, wie viele Bücher zum Thema Krankheit und Sterben Sie gelesen haben. War das nicht belastend?

Nein, für mich war es eine Hilfe. Weil ich sehen konnte, andere schlagen sich mit ähnlichen Problemen rum und werden auf ihre Weise damit fertig – oder auch nicht. Ich kann auch das Buch von Christoph Schlingensief nur empfehlen. Da lernen Angehörige, wie egoistisch Kranke sind. Sie denken immer nur an sich. Ich sehe auch, dass meine Frau Abstand von mir braucht, und trotzdem empfinde ich es als Verrat, wenn sie weg geht und mich alleine lässt. Ich weiß wie Schlingensief um meinen Egoismus, aber man kann nicht anders.

Hat sich das Verhalten Ihrer Freunde verändert? Haben sie Hemmungen, das Thema Krankheit offen anzusprechen?

Das ist unterschiedlich. Einige sind ganz weggeblieben, aber nicht viele.

Wissen Sie warum?

Das hat mit ihrem eigenen Leben zu tun. Mit dem Verhältnis zu ihrem Vater oder zum Bruder. Da ist immer was in der eigenen Familie.

Wenn man als Besucher Ihre Krankheit thematisiert, läuft man Gefahr, Sie zu nerven. Lässt man es, könnten Sie das als Desinteresse verstehen. Wie ist es Ihnen am liebsten?

Niemand soll versuchen, mir Normalität vorzugaukeln. Meine Normalität ist, dass ich krank bin.

Eineinhalb Jahre vor Ihrer Krebsdiagnose sagten Sie zu einem schwer erkrankten Kollegen: Ich glaube, ich sterbe auch bald. Glauben Sie an Ahnungen?

Ich glaube eher, dass der Körper einem das signalisiert. Aber an diesen Satz erinnere ich mich immer, weil er mich gequält hat. Weil er so ranschmeißerisch klang. Weil ich einem Todkranken sagte: Ich bin auch so wie du.

Sie haben sich damals auch eine Grabstätte gesucht …

… und ich habe einen schönen Ort gefunden, nahe beim Olympiastadion. Ich habe mir mit meiner Frau vier oder fünf Friedhöfe angeguckt, sie sagte nur, wird ja höchste Zeit dafür, und dieser Friedhof hat einen kleinen See in der Mitte, drumherum so eine Heidelandschaft, ganz toll. Außerdem kann ich da sonnabends die Fans brüllen hören, wenn Hertha BSC spielt.

Obwohl noch ziemlich mitgenommen, waren Sie schon vier Tage nach Ihrer Entlassung aus der Charité bei einem Hertha-Heimspiel. Was bedeutet Ihnen Fußball?

Viel. Er ist wirklich die schönste Freizeitbeschäftigung, und auch eine Metapher fürs Leben. Man kann sehen, wie doof Menschen sich anstellen, wie egoistisch sie sind, was Willen verändern kann, wie wichtig kritische Einstellungen und Zusammenhalt sind.

Zu seinem 100. Geburtstag haben Sie 1997 eine Biographie über den legendären Fußballtrainer Sepp Herberger geschrieben, die sogar der ewige „Spiegel“-Verächter Helmut Kohl gelobt hat.

Herberger erinnerte mich an meinen Vater – wie er ein Aufsteiger aus ärmlichen Verhältnissen, der über den Fußball Bestätigung fand. Mit jedem Besuch im Olympiastadion habe ich mir ein Stück Kindheit und Jugend zurückgeholt.

Herr Leinemann, Sie haben Hajo Friedrichs damals die Frage gestellt: „Gibt es einen Begriff, der Ihren derzeitigen Gemütszustand beschreiben würde?“

Meine Antwort ist: Ich lerne Gelassenheit.

Und wann ist für Sie ein Tag ein schöner Tag gewesen?

Wenn er vorbei ist.

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