Sonntagsinterview : "Was bisher passiert ist, ist Pitzelkram"

Susanne Schmidt weiß, wer schuld ist an der Finanzkrise und was versäumt wurde. Warum Vater Helmut sie vor Mumien warnte – und was Mutter Loki ihr vermachte.

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Bankerin Susanne Schmidt ist die Tochter des Ex-Bundeskanzlers Helmut Schmidt FinePic/Helmut Henkensiefken
Bankerin Susanne Schmidt ist die Tochter des Ex-Bundeskanzlers Helmut SchmidtFinePic/Helmut Henkensiefken

Frau Schmidt, während der Finanzkrise 2008 dachten Sie schon darüber nach, notfalls Schweine zu halten und selbst Gemüse anzubauen. Jetzt gibt es wieder eine Krise – aber wir können kein Schwein in Ihrem Garten entdecken.

Na, wer weiß, vielleicht kommt das ja noch. Im Moment sieht es wirtschaftlich wirklich nicht gut aus. Viele Leute behaupten, die Entwicklung hätte nichts zu tun mit der Krise von 2008. Dabei ist das, was wir jetzt erleben, deren zweiter Akt. Im besten Fall müssen wir noch über Jahre mit schwachem Wachstum rechnen, mit einer Umverteilung von Sparern zu Schuldnern und mit relativ hoher Arbeitslosigkeit, wenn auch nicht unbedingt in Deutschland. Im schlimmsten Fall kann uns alles um die Ohren fliegen, nicht nur wirtschaftlich, auch politisch – denken Sie an die EU.

Die Banker sagen, die Politik sei schuld an der Krise. Weil sie nicht gespart hat.

Die Staatsschulden sind aus zwei Gründen so hoch. Einmal, weil die Regierungen die Risiken und faulen Kredite der Banken auf sich genommen haben. Irland ist ein Paradebeispiel dafür, die Iren waren in der Vergangenheit nicht besonders stark verschuldet. Zweitens sind durch die Rezession, die der Finanzkrise folgte, die Steuereinnahmen weggebrochen und die Ausgaben gestiegen – für Soziales, für Konjunkturprogramme. Die Staatshaushalte wurden also von zwei Seiten in die Zange genommen. Das zeigt: Die gegenwärtige Krise ist eine Konsequenz der Krise von 2008.

Alle westlichen Staaten sind doch seit Jahrzehnten mehr oder weniger hoch verschuldet. Ist uns die Bescheidenheit abhanden gekommen?

Die Forderung, dass Staaten keine Schulden haben sollten, halte ich für irre. Denn Regierungen sollen doch investieren, in die Infrastruktur, für die nächste Generation. Diese Investitionen rentieren sich, allerdings nur indirekt. Natürlich muss eine Verhältnismäßigkeit da sein.

Im Moment treiben die Finanzmärkte die Politik vor sich her. Sie stammen aus einem Politikerhaushalt. Hatten die Märkte immer schon diese Macht?

Ich glaube, eher weniger. Mit der modernen Kommunikationstechnologie können die Finanzmärkte viel schneller reagieren. Wir können nicht mal mit den Augen zwinkern, schon sind hunderte von Käufen oder Verkäufen getätigt. Auf der einen Seite haben wir also Märkte, die in Sekundenbruchteilen handeln, auf der anderen einen langwierigen, demokratischen Prozess.

Muss die eine Seite schneller werden oder die andere langsamer?

Ich hätte nichts dagegen, wenn dem Hochfrequenz-Handel die Luft ausginge. Auf der anderen Seite muss die Politik mit der Salamitaktik aufhören: Erst haben wir Griechenland separate Kredite gegeben, dann einen gemeinsamen Kredit, dann haben wir den Rettungsschirm geschaffen, dann den Rettungsschirm aufgestockt, erst durfte der keine Staatsanleihen aufkaufen, jetzt soll er doch … Wir brauchen Politiker, die langfristiger denken und einen größeren Rahmen schaffen.

Auf der nächsten Seite. Susanne Schmidt über die Rolle ihres Berufsstandes in der Finanzkrise.

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