Kultur : Sonny-Girls

Luc Bondy inszeniert Botho Strauß’ „Die eine und die andere“ mit Edith Clever und Jutta Lampe im Berliner Ensemble

Peter von Becker

So viele Vorgeschichten. Nie gibt es in der Wirklichkeit die ominöse „Stunde Null“. Nur im Theater oder manchmal in der blitzschlagenden Liebe steht nochmal alles auf Anfang und auf der Kippe: Wenn es auf der Bühne heißt, es werde Licht. Diesmal aber im Berliner Ensemble ist die Vorzeit schier übermächtig, und es beginnt bei keinem imaginären Nullpunkt. Sondern bei über dreieinhalb Jahrzehnten Theatergeschichte und mit einer von vielen Zuschauern nostalgisch, sehnsüchtig oder mindestens gerührt erwarteten Wiederbegegnung.

Edith Clever trifft auf Jutta Lampe. Die Heldinnen der alten Schaubühne, die beiden um den Dichter Torquato Tasso schon 1969 in Peter Steins legendärer Bremer Aufführung wetteifernden Leonoren, sie streiten auch jetzt noch einmal um den einen (oder den anderen) Mann. Das Stück ist von Botho Strauß, der Regisseur heißt Luc Bondy, Bühnenbild Karl-Ernst Herrmann, Dramaturgie Dieter Sturm. Nur Stein selbst fehlt noch, dann hätte Claus Peymann, selber einst an der Schaubühne und 1972 (in Hamburg) Uraufführungsregisseur des ersten Strauß-Stücks „Die Hypochonder“, an seinem Berliner Ensemble jene epochale künstlerische Beziehungskiste wie eine alte, märchenhafte Schatztruhe wieder aufgeschlossen.

Ein schöner Spuk? Für Edith Clever und Jutta Lampe hat Botho Strauß „Die eine und die andere“ geschrieben. Sie waren ja wechselweise auch Protagonistinnen seiner Theatergeschichte(n), von den Berliner „Hypochondern“ im Jahr 1973 über die Triumph-Spiele mit „Groß und klein“, „Kalldewey, Farce“, „Schluss- chor“ oder „Das Gleichgewicht“ – oft verbunden mit dem Namen Luc Bondy. Zwar hat Dieter Dorn, so viel der Vorgeschichte, in München die Uraufführung des neuen Strauß-Stücks inszeniert (Tagesspiegel vom 29. 1. 2005). Kein Schlussduett, denn die grelle, helle Münchner Version mit Cornelia Froboess und Gisela Stein machte umso neugieriger auf Bondys Sicht.

Ein dunkler Gegenentwurf. Nie, nicht einmal wenn von der Sommerhitze des Jahres 2003 die Rede ist, wird es ganz licht auf Karl-Ernst Herrmanns schwarzumspannter, mit farbigen Neonlinien, wenigen Requisiten und bisweilen einer Hängewand mit Rosentapete markierten Bühne. Diese verblichene Blümchenstaffage bildet die Kulisse für Frau Insas heruntergewirtschaftete Fremdenpension auf dem wiedergewonnenen Gut „im Osten“, am bezeichnenden Oder-Bruch. Dort hofft Insa, „die eine“ (Edith Clever), auf eine letzte Umarmung durch den letzten Sommergast; sie trinkt, träumt, döst oder quengelt rum mit ihrer nie ganz abgenabelten Tochter Elaine, einer metaphyselnden Masochistin um die Dreißig (unaufdringlich präsent: Dörte Lyssewski). Beide verbindet ihr Missgeschick mit den Männern, auch mit dem Mann und Vater namens Henrik (in einer Kurzrolle Gerd Kunath), den sich einst Lissie, „die andere“, geschnappt hatte.

Edith Clever, unter graublonden Strähnen und fast ohne Make-up, malt das wunschvolle Unglück in manchmal opernhaft ausgreifenden Gebärden, spielt in dem hohen, gedehnten Ton der Weinseligen und Tränenreichen riskant mit dem Erhabenen und Lächerlichen. Um trockene Sottisen dazwischenzuschießen. Wenn sie ihrer Freundfeindin Lissie alias Jutta Lampe, der Ehebrecherin und Ausspannerin, vorwirft, sie bringe es nie zu einem neuen Modell, sie bekomme immer nur „gebrauchte“ Männer, dann durchzieht Clevers schmaläugiges Wehgesicht plötzlich das Lächeln einer asiatischen Maske. Doch halt!

Diese Lissie, die man jahrelang nicht gesehen hat und der Insa noch immer mit Mordgelüsten oder spöttischen Selbstmordempfehlungen begegnet, sie inszeniert Bondy, sie spielt Jutta Lampe wie fast nicht von dieser Welt. In München war die brillant komödiantische Gisela Stein noch jederzeit der sommerfähnchenbunte Hauch jener „weiblichen Großmacht“, mit der sie Insa vorab beschreibt. Jutta Lampes Lissie aber kehrt hier nicht wieder in Insas oderbrüchige Welt als handfeste femme fatale. Sondern als schwebende Erscheinung aus einem nächtlichen Spinnwebenwald. Sie soll eine frisch gekündigte Architekturkritikerin aus Berlin sein, wohnungs- und mittellos. Daher sucht sie Unterschlupf bei der Gegnerin auf dem Lande.

Von dieser Vorgeschichte zeigt Jutta Lampe allenfalls das Kostüm: mit einem Hosenanzug im berlinisch-kulturbürgerlichen Ganzjahrschwarz. Der Rest ist hier nur eine traumwandlerisch teilnahmslose, elegant melancholische Defensive. Das Lissie-Luder bloß noch Insas Einbildung? Als ihr die andere am Ende dann doch den letzten Spätsommermann weggreift, wirkt die im Text schon fahle Pointe umso künstlicher. In München, bei der Stein, war da noch was im Rollen: das künstlich Sinnliche eine zweite Natur.

Luc Bondy hat seinen Damengipfel so ganz als Elegie des Wiedersehens zelebriert. Auch reife Rosen haben Dornen. Aber vor der Blümchentapete dominiert fast immer Edith Clever. Und Jutta Lampe, wunderlich unberührt, hält sich, wenn sie nicht gerade in einer hübsch essayistischen Museums-Szene über die Vergangenheit der Zukunft philosophiert, mit allem Irdischen zurück. Selbst wenn es noch im Zerbrechen greifbar wäre. Einen Liebes- oder Lebenskrieg zwischen der Einen und der Anderen gibt es hier nicht. Es fehlt, obwohl Strauß einmal eine Art Runden-Ansage macht wie bei einem „Play Strindberg“ oder bei Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, am spielerischen Zweikampf. Im Grunde wären Insa und Lissie die Schwestern des alten Komiker-Kampfpaares Willie Clark und Al Lewis, wären sie die Sonny-Girls, die dämmernden Damen auf dem Liebesboulevard. Das ist im Berliner Ensemble bestenfalls zu ahnen.

Bondys in manchen Details empfindsamer, oft aber auch lähmend lastender Inszenierung fehlt es an Kampfkraft, Reaktionsschnelligkeit – auch an Leichtheit. So gedehnt indes, wirkt das nicht immer tiefgründige oder gar welterhellende Stück selbst zu leicht und durchsichtig. Irgendwie wird das Bondy selbst gemerkt haben; doch statt behutsamer Striche im ganzen, ließ er einfach die Schluss-Szene weg. So sieht man nicht mehr Insa und Lissie „Rücken an Rücken“ – das haben sie anstelle einer frontalen Begegnung ohnehin schon den ganzen Abend gespielt. Sebastian Rudolph als Lissies Sohn Timm hat mit einem Satz über seinen Vater (Insas früheren Mann) das letzte Wort. Er spricht von einer Nimmerwiederkehr. So enden auch Märchen.

Wieder am 29., 30. 3. und 1., 2. 4.

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