Kultur : Sonnyboy gelingt alles

ROLF BROCKSCHMIDT

Eine niederländische Filmreihe im Berliner ArsenalVON ROLF BROCKSCHMIDTErik und seine Studentenfreunde spielen Tennis auf einem Platz in Leiden.Plötzlich wird das Radioprogramm unterbrochen: Der Premier verkündet den Kriegszustand mit Deutschland.Die Freizeitsportler zucken mit den Schultern.Man hofft auf die Neutralität - nur einige wenden sich besorgt ab.Erst als später die ersten Bomben fallen, sind die Niederländer fassungslos.So beginnt Paul Verhoevens erster großer Spielfilm "Soldaat van Oranje" (1977).Der Film, mit dem das Arsenal zusammen mit der Niederländischen Philologie der FU eine Reihe über die deutsche Besatzungszeit 1940-1945 eröffnet, steht zugleich für das cineastische Interesse, das in den späten siebziger und achtziger Jahren die Filmproduktion unseres Nachbarlandes bestimmte.Die Phase der Schwarzweißmalerei - hier die guten Niederländer, dort die bösen Deutschen - war damals längst überwunden.Verhoeven zeigt durchaus die Ahnungslosigkeit der Niederländer - das sorglose Leben einer jeunesse dorée, die auch gerne mal Witze über jüdische Kommilitonen macht -, aber über die politischen Hintergründe erfährt man wenig.Rutger Hauer spielt Erik, der mehr aus Abenteuerlust denn aus politischer Einsicht in den Widerstand geht.Dabei bemüht sich "Soldaat van Oranje", flott und spannend inszeniert, die Facetten des Widerstands und der Kollaboration bis zum SS-Freiwilligen zu zeigen; doch - von der Flucht nach England, dem Agenten-Einsatz bis zur Rückkehr ins befreite Land als Assistent von Königin Wilhelmina - dem Sonnyboy Erik gelingt einfach alles.Weitaus differenzierter ist "Pastorale 1943" von Wim Verstappen, der sich auf einige Tage im Sommer 1943 konzentriert: die ersten Niederländer tauchen unter und verstecken sich vor dem drohenden Arbeitseinsatz in Deutschland.Der Film, ebenfalls 1977 entstanden, stellt eine Gruppe bürgerlicher Widerständler einem niederländischen Nazi und seiner Familie gegenüber.Erst als englische Flugzeuge auftauchen, nimmt er die NS-Dekoration aus dem Schaufenster.Wie unberechenbar die eigenen Landsleute waren, wie dicht Verrat und Widerstand beieinanderliegen, zeigt dieser Film eindrucksvoll."Niemand", sagt einer der Protagonisten fast programmatisch, "wird als Held geboren."Am 10.Mai 1940 hatten die Deutschen die Niederlande überfallen.Am Ende dieser Zeit, im Hungerwinter 1944/45, herrschten Schuld und Verrat - Fons Rademakers "Das Attentat" (1986) nach dem gleichnamigen Roman von Harry Mulisch erzählt davon."De Ijssalon" (Der Eissalon, 1985) von Dimitri Frenkel Frank wiederum erinnert an eine der großen Leistungen des niederländischen Widerstands, den von Kommunisten organisierten Februarstreik 1941 gegen die Deportation der Juden.Autobiographisch blickt Barbara Meter in ihrem Spielfilm "De Afstand tot dichtbij", (Der Abstand zur Nähe, 1982) auf das Leben der halbjüdischen Sonja, die sich verstecken muß - sehr verwandt dazu: "Jacoba" (1988), ein mit Spielszenen kombinierter Dokumentarfilm von Joram ten Brink."In de schaduw van de overwinning" (Im Schatten des Sieges, 1986) von Ate de Jong arbeitet anhand zweier Antipoden Schuld und Verstrickung, Idealismus und Opportunismus heraus. Die Reihe wird am 10.Mai, 19 Uhr, mit "Das Attentat" eröffnet.

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