Kultur : "Sonsbeek 2001": Walk in the Park

Knut Ebeling

Während die internationale Kunstberichterstattung bereits Jahre vorher das Rampenlicht auf die Kasseler Documenta lenkt, existieren andere europäische Großereignisse oft im publizistischen Schatten. Man muss sich schon großspurig ein "Biennale" vor den Titel kleben, um internationale Aufmerksamkeit zu erwecken. An anderen Orten landet das Jet-Set des globalisierten Kunstbetriebes gar nicht erst.

Traditionell gehört "Sonsbeek" nicht dazu. In den schmucken Bürgerpark des vom Krieg verwüsteten Städtchens Arnheim am Rhein wurden seit den ersten Nachkriegsjahren im Abstand von einigen Jahren internationale Künstler eingeladen, ihre Visionen von einem modernen und friedlichen Europa zu verwirklichen. Diese Spuren der Ausstellungsgeschichte sind im Park neben den neueren Beigaben noch immer zu besichtigen. Freilich wurde der Abstand zwischen den einzelnen Ausstellungen immer grösser. Jetzt war ein neues Konzept gefragt. Teil dessen war die Entscheidung, einen verlässlichen und weit über die Beneluxstaaten hinaus bekannten Kurator zu engagieren: Jan Hoet, Documenta-erfahrener Ausstellungsmacher und Stedelijk-Direktor in Gent, sollte statt eingeflogener Theorie lieber verlässliche Publikumsrenner präsentieren. Noch wenige Tage vor der Ausstellungseröffnung war in den Zeitungen zu lesen, dass Sonsbeek 2001 alles wolle, nur nicht schockieren. So konnte auch die niederländische Königin Beatrix ohne Bedenken ihre Teilnahme an der Eröffnungszeremonie zusagen. Diese fand dann auch versöhnlicherweise in der Kathedrale von Arnheim statt, als feiere man die Rückkehr der Ausstellung in den Schoss der Gesellschaft.

Die Eusebius-Kathedrale von Arnheim war aber nicht nur Schauplatz der Eröffnungsfeierlichkeiten, sie ist auch zentraler Ausstellungsort von Sonsbeek 9 selbst. Vermutlich aus Mangel an anderen Visionen hatte Hoet der Großausstellung über das Millenniums-Thema hinaus noch die Ortsspezifik als Rezept verschrieben: Neben der Kathedrale und einem verwinkelten Einkaufszentrum ist auch der besagte Park von Sonsbeek Ausstellungsort. Die Auswahl der drei über den Stadtraum von Arnheim verteilten Orte mit der Kirche in ihrer Mitte und dem Rhein als Mittelachse stellt bereits die erste These von Hoets Ausstellung dar: Das Museum, das die Autonomie der Kunst im 20. Jahrhundert gegen alle Anfeindungen geschützt hatte, wird nicht länger der zentrale Ort der zukünftigen Kunst sein. Man konnte diese Ortswahl also durchaus im Sinne einer These verstehen, dass die Kunst in diesem Jahrhundert ihren angestammten Ort verlassen wird, um an die Mittelpunkte der Gesellschaft zurückzukehren: Und die heißen im 21. Jahrhundert Freizeit, Konsum und Spiritualität.

Vor allem die Konzentration auf das letzte Thema in dem Ausstellungsbereich in der Eusebius-Kathedrale musste doch einigermassen überraschen. Waren Freizeit und Kosum zu beliebten Themen vieler zeitgenössischer Künstler und fast noch zahlreicherer Überblicksausstellungen geworden, war Spiritualität in der Kunst in den letzten Jahren thematisch ins Hintertreffen geraten. Mit seiner Kathedralen-Ausstellung rückt der bekennende Katholik Hoet sie wieder in den Mittelpunkt: Tatsächlich gerät das topographische und thematische Zentrum von Sonsbeek 9 zur quasireligiösen Veranstaltung. Hier gibt es Künstler-Grüfte mit sakralem Kerzenschein und die Suche nach der verlorenen Schönheit in ebenso sakralen Computeranimationen. In der Eusebius-Kathedrale zelebriert Hoet den Verlust und die Wiedererfindung des Menschen im Zeichen des Religiösen. Dabei passiert ihm, was allen anderen Wiederbelebungsversuchen auch widerfuhr: Im Schein der Altarkerzen wird die Kunst zum leichenfleddernden Reliquienkitsch.

Wer gedacht hatte, die Sakralität der Kunst sei lediglich ihrem Ausstellungsort geschuldet, sah sich spätestens bei der Anfahrt zum Einkaufszentrum getäuscht: Mit drei Kreuzen vor dem Konsumtempel stellte Hoet auch diesen Ort unter das Zeichen des Christentums. Freilich bleibt dies nur ein äußeres Zeichen. Drinnen schleust Hoet die Kunst ins pralle Leben ein: Künstler unterhalten Einkäufer mit Karaoke, teilen ihnen japanische Weisheiten mit oder veranstalten in unwirtlichen Treppenhäusern gemütliche Sit-ins. Am ehesten funktionierte die Ausstellung noch an jenen Orten, von denen die Besucherströme zu den blinden Flecken des Einkaufszentrums geleitet werden - wie zum Beispiel das Parkhaus, wo ein geisterfahrendes Schrottauto seine Runden dreht.

Vielleicht liegt es an der gediegenen Schönheit des Parks von Sonsbeek, dass die Ausstellung an ihrem Ursprungsort am ausgereiftesten wirkt. Hier gelingen den Künstlern punktuell jene Kommentare zu dem gesellschaftlichen Subsystem Freizeit, das der Ausstellungsort provoziert. Mitten in der Stille des Waldes hebt hier ein Künstler eine Grube aus und wirft einen Haufen elektrischer Megaphone hinein, die hier ohnehin niemand hört - quasi als Parodie verschwindet die Kommunikationswut moderner Zivilisation hier im Erdboden. Ein anderer Künstler lässt in einem Schwanenteich nahebei ein weiteres zivilisatorisches Phantasmaversinken: ein süßliches rosafarbenes Eisverkäuferauto, dessen Aufschrift "sweet dreams" verspricht.. Das in halbabgetauchter Pose stillgestellte Auto ist ein melancholischer Kommentar zu einer ebenso traumverliebten Gesellschaft, die nicht aufhören kann, nicht von ihrer Kunst zu träumen.

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