Kultur : Sontags Reden

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Gregor Dotzauer über das andere Amerika, das Amerika selbst ist

Die Entscheidung ist unangreifbar, und sie ist ein politisches Signal: Beide Vorzüge vereint der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels nicht jedes Jahr, und dass die Schriftstellerin Susan Sontag in den 53 Jahren seines Bestehens – von Emigranten wie dem Historiker Fritz Stern abgesehen – erst die dritte Laureatin aus den USA ist, verschafft ihm zusätzliches Gewicht. 1957 hatte der Schriftsteller Thornton Wilder die Ehre, 1982 der schreibende Diplomat und Entspannungspolitiker George F. Kennan. Nun, da die USRegierung Proteste der Völkergemeinschaft ignoriert hat und gegen den Irak zu Felde gezogen ist, sieht die Wahl der prominenten Kriegsgegnerin aus wie eine Bekräftigung der deutschen Verweigerungshaltung. Die Jury hat das sicher bedacht und überschätzt doch wahrscheinlich das häretische Moment, mit dem sich Susan Sontag spätestens seit ihren Äußerungen zum 11. September zur Gegnerin von George Bushs Amerika stilisiert hat. Denn das andere Amerika, für das sie als Ostküsten-Ikone steht, ist Amerika selbst – auch wenn es öffentlich vielleicht nicht überall Gehör findet.

Kritik, so hat ein anderer Kriegsgegner, der Philosoph Michael Walzer, gezeigt, trägt nicht von außen Maßstäbe an ein Gemeinwesen heran, sondern erinnert es an seine eigenen moralischen Ideale. Susan Sontag fügt sich denn auch in eine liberale Linie von Denkern ein, die wie der Philosoph Richard Rorty (in seinem Beitrag zur „Kerneuropa“-Diskussion von Habermas, Derrida und Muschg) mit Recht darauf hoffen, dass Europa stärker als bisher den Hegemonialansprüchen der USA entgegentritt: als exterritoriale Instanz, die zugleich in den Wurzeln der amerikanischen Nation aufgehoben ist. Das alles ist nicht einfach und weitgehend ungedacht. Deshalb gibt es in diesem Herbst kaum etwas Spannenderes als Sontags Rede in der Paulskirche, die – anders als Jimmy Carters Rede zum Friedensnobelpreis – hoffentlich auch die Europäer provoziert.

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