Sophiensäle Berlin : Die Frau im Mond

Simone Dede Ayivi ist eine starke Stimme der Performance-Szene. Jetzt zeigt sie in den Sophiensälen „First Black Woman In Space“.

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Afrofuturistin. Die Künstlerin und Kulturwissenschaftlerin Simone Dede Ayivi erobert das All.
Afrofuturistin. Die Künstlerin und Kulturwissenschaftlerin Simone Dede Ayivi erobert das All.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Im Proberaum werden noch letzte Vorbereitungen für den Ausflug ins All getroffen. Der Diaprojektor fürs Sternbild ist in Bereitschaft, hinter Gazevorhängen türmt sich eine Art Mondgestein, und Simone Dede Ayivi hat bereits ihren silbrig glänzenden Astronauten-Dress angelegt. Ein paar Probleme mit dem Sichtfenster des Helms müssen noch geklärt werden, die Haare sind im Weg, dann heißt es: ready for takeoff. Ayivi bewegt sich mit Zeitlupenschritten durch die Schwerelosigkeit und erobert den Weltraum.

„First Black Woman In Space“ heißt die Performance, die Simone Dede Ayivi hier mit ihrem Team erarbeitet und die demnächst den Sophiensälen Premiere feiert. Es ist keine Science-Fiction. Auch keine Dokumentation über Mae C. Jemison, die als erste Afroamerikanerin mit der Raumfähre „Endeavour“ ins All geflogen ist. Allerdings gab deren Biografie einen entscheidenden Impuls, wie Ayivi nach der Probe erzählt: „Jemison sagt, dass sie nur auf die Idee kommen konnte, Astronautin zu werden, weil sie als Kind Nichelle Nichols in ‚Star Trek‘ gesehen hat“.

Die schwarze Darstellerin von Lieutenant Uhura wurde nicht nur für Jemison zum Vorbild, sondern auch für viele andere, darunter Hollywoodstar Whoopi Goldberg. Die soll als Kind bei „Star Trek“ aufgeregt gerufen haben: „Mommy, there’s a black lady on television and she ain’t no maid!“ Mama, da ist eine schwarze Frau im Fernsehen und sie ist kein Dienstmädchen! Vielmehr eine stolze, technisch versierte Raumfahrerin.

Das siebenköpfige Frauenteam, mit dem Ayivi „First Black Woman in Space“ erarbeitet, besitzt ebenfalls ein ausgeprägtes technisches Know-how. Was hinter den Kulissen deutscher Theaterbetriebe bei männlichen Kollegen nicht selten für gelinde Überraschung sorgt.

Schwarze Frauen müssen sichtbar werden

Auf die Frage, worauf die Arbeit ziele, entgegnet Ayivi: „Es geht mir um das Sichtbarmachen von schwarzen Frauen, um ihre Wünsche und Kämpfe“. Und dabei spiele die Frage nach Vorbildern eben eine entscheidende Rolle. Eine der Frauen, die sie im Vorfeld der Inszenierung zu den darin integrierten Interviews traf, schenkte ihr den schönen Satz: „We cannot be what we cannot see.“ Wir können nicht sein, was wir nicht sehen.

Entsprechend will Ayivi, afrodeutsche Performerin, Regisseurin und Autorin aus Hanau in Hessen, mit „First Black Woman in Space“ utopische Räume öffnen, die in die Realität zurückstrahlen können. Sie spricht gern von „magischen Momenten“ im Theater, womit sie aber nicht die landläufige Sorte von Zauberkitsch meint, mit dem ältere weiße Regisseure gern hausieren gehen. Sondern zum Beispiel die Setzung einer gerechteren Welt, in der für schwarze Frauen nicht mal der Himmel das Limit ist.

„Gerade Frauen of Colour gehen in den gesellschaftspolitischen Debatten oft unter“, stellt Ayivi fest. Was daran liege, dass die Diskurse meist nicht zusammengedacht würden. Entweder werde zum Beispiel über Rassismus oder über Sexismus geredet. „Es gibt aber Menschen, die von beidem betroffen sind“, so Ayivi. Die Vorstellung scheint aber vielen so fremd wie das blühende Feld des Afrofuturismus, auf dem Ayivi bestens bewandert ist. Afrofuturismus nimmt Anliegen und Themen einer afrikanischen Diaspora in Romanen, Filmen, Fotografien oder eben Bühnenstücken durch die Brille der Science-Fiction in den Blick. Ayivi addiert dazu die feministische Perspektive.

Sie schreibt kluge Essays über strukturellen Rassismus

Die Kulturwissenschaftlerin hat sich längst als starke Stimme in der Berliner Performance-Szene und darüber hinaus etabliert. Sie schreibt kluge Essays über den strukturellen Rassismus, der tief in den Köpfen wurzelt. Und zugleich hat sie Verständnis für jede schwarze Kollegin, die lieber klassische Rollen spielen möchte, statt Bühnenaktivistin zu sein.

Sie selbst stand zuletzt in der Performance „Black Bismarck“ des Kollektivs andcompany&Co auf der Bühne und brachte ihr Stück „Performing Back“ heraus – beides Arbeiten, die sich mit dem bis heute nicht aufgearbeiteten Erbe des deutschen Kolonialismus befassen.

Immerhin, und darüber freut sich Ayivi sehr, ist in Berlin mittlerweile die Umbenennung der Straßen im „Afrikanischen Viertel“ in Wedding beschlossene Sache. „Das ist vor allem der Arbeit der Black Community in Berlin zu verdanken“, sagt sie. Eine Arbeit gegen erhebliche Widerstände, auch das soll nicht unterschlagen werden. Überhaupt stellt die Künstlerin fest, dass „offene rassistische Pöbeleien in den vergangenen Monaten rapide zugenommen haben“. Das gesellschaftliche Klima, so Ayivi, schlage sich nicht nur in Wahlergebnissen nieder. Ein Thema, dem sie allerdings nicht zu viel Raum geben will. Schließlich ist sie künstlerisch mit dem Gegenteil unterwegs ist – mit Strategien des Empowerments. Eine der Fragen an die interviewten Frauen lautete: Was stärkt euch, was macht euch glücklich? Antwort war oft die Solidarität mit schwarzen Freundinnen, die auch Ayivi fühlt.

Lieutenant Uhura aus "Star Trek" war auch in Deutschland zu sehen

Für eine Frau von Mitte 30 hatte die deutsche Popkultur in der Kindheit keine Lieutenant Uhura zu bieten. Traurig genug. Klar, „Star Trek“ gab es auch hier im Fernsehen, ebenso die „Cosby Show“. Gerade der aber wurde ja vorgeworfen, sich einem weißen Mainstream anzudienen. Was die politische Künstlerin so nicht stehen lassen kann: „Dabei geht es um einen Repräsentationsdruck, den ich aus eigenem Erleben kenne.“ Schwarzen werde automatisch unterstellt, dass sie für die gesamte Community stünden.

Sichtbar werden. Viele sein. Wenn schon nicht im All, so doch wenigstens im deutschen Alltag. Darum geht es Ayivi. Deswegen sagt sie: „Ich freue mich über jede schwarze Kollegin, die mit ihren Anliegen rauskommt.“ Weil das wiederum ihr Freiraum verschaffe, das eigene Ding durchzuziehen. Dann hieße es zukünftig nicht mehr: Da werden schwarze Themen verhandelt! Sondern: „Das ist Simone und die macht Simone-Sachen auf der Bühne.“

Sophiensäle, Premiere Do 20. Oktober

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