Sophiensäle : Meine Mutter, die Seekuh

Cora Frost entwirft in ihrem Theaterstück „Die Bucht der dicken Kinder“ eine kugelrunde Paradiesvorstellung. Ein süßer Probenbesuch.

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Geballte Energie. Vier Darstellerinnen und ein Darsteller treten in den Sophiensälen auf.
Geballte Energie. Vier Darstellerinnen und ein Darsteller treten in den Sophiensälen auf.Foto: Monika Keiler

Auf dem langen Tisch thront ein saftiger Schokoladenkuchen, verziert mit einer giftgrünen Marzipandecke. In goldener Schreibschrift steht darauf: „Willkommen in der Bucht!“ Drum silberne Herzchen und neonfarbene Streusel. Cora Frost verteilt großzügig portionierte Stücke. Schön schwer liegt der Kuchen in der Hand und riecht mindestens genauso gut wie er aussieht. Es gibt etwas zu feiern: Es ist das erste Treffen aller Beteiligten an Frosts neuer Theaterproduktion „Die Bucht der dicken Kinder“, eine Geschichte von zwei dünnen Rucksacktouristen, die ins Paradies der Dicken kommen – und einen Kulturschock erleiden.

Die Berliner Künstlerin Cora Frost ist schon seit vielen Jahren auf diversen Bühnen unterwegs. Mal als als Chansonniere, mal als Mann, mal als Geisterbeschwörerin. Ihre tiefe Stimme passt zu allen drei Rollen. Das dunkle, heute leicht wirr liegende Haar besonders zu letzterer. Cora Frost wirkt zufrieden. Endlich beginnt die Arbeit an dem Stück, dessen Idee die 49-Jährige schon lange mit sich herumträgt: „Ich bin vor sechs, sieben Jahren mit meinen Nichten und Neffen auf einem der Seen in Mittelschweden bei Gewitter Ruderboot gefahren. Wir haben gesungen und schließlich in einer Bucht Unterschlupf gesucht. In dieser Bucht waren fast nur Kinder und fast alle waren kugelrund.“ Eine paradiesische Vorstellung: Ein Ort, an dem der Korrigierwahn keinen Platz hat, an dem alle so aussehen könnten, wie sie nun einmal aussehen.

Beim ersten Treffen ihrer frischen Theatergruppe in einem Proberaum am Moritzplatz erzählt Cora Frost ihren fünf Schauspielerinnen, wie sie sich den Ablauf des Stücks vorstellt. „Die Zuschauer müssen erst durch die Nutellaschleuse, an der ihr sie fragt, wie viel sie wiegen. Wenn das zu wenig ist, müssen sie Nutella löffeln. Dann geht es weiter in den Schlafsaal, in dem die dicken Kinder liegen.“

Später sitzt die Gruppe im Prinzessinnengarten nebenan. Auch der hat etwas Paradiesisches an sich. Es ist ein kühler Spätherbstabend und die Akteurinnen unterhalten sich darüber, wie sie zur „Bucht“ gekommen sind. Besonders verlockend war für alle: In einem Stück zu spielen, das ihnen keine klassische Dicken-Rolle zuweist. Marlena Keil erzählt: „Ich will nicht immer für die Kammerjungfer Marie in ‚Was ihr wollt’ oder die Amme aus ‚Romeo und Julia’ besetzt werden.“ Die 27-Jährige hat in Wien Schauspiel studiert und möchte gerne auch mal die Julia geben. „Mich stört es, dass alles immer so glatt besetzt wird. Ich finde Ecken und Kanten gut, auch wenn man das mit einer runden Figur vielleicht nicht so sagen kann.“

Julia Gräfner stimmt ihr zu: „Klar kann ich die Wuchtbrumme spielen und mit der Axt in der Hand auf die Bühne stürmen. Aber ich kann auch flink und agil sein. Ich kann mich auch 40 Kilo leichter spielen.“ Die 22-Jährige hat Schauspiel in Bern studiert. „Immer wenn es darum ging, was Theater ist oder sein sollte, hieß es oft: Das Theater sei ein Spiegel der Wirklichkeit. Aber dann wollen sie die Leute nicht, wie sie sind.“ Dass auf deutschen Bühnen meist auch Schauspielerinnen und Schauspieler mit Migrationshintergrund fehlen, wird seit einiger Zeit diskutiert. Und das postmigrantische Theater des Ballhaus Naunynstraße feiert Erfolge. Doch als vor kurzem die deutsche Schauspielerin Wolke Hegenbarth berichtete, wie anstrengend es gewesen sei, einen Fatsuit für die Sat-1-Serie „Es kommt noch dicker“ zu tragen, empörte das niemanden.

Dicksein gilt als fehlerhafter Zustand. Mit fetten Leuten stimmt etwas nicht. Sie sind maßlos und leben ungesund. Dabei haben Forscher kürzlich herausgefunden, dass Übergewicht vor allem deshalb krank macht, weil Dicke sich immer wieder Diäten unterziehen, die den Körper stressen und seine Organe schwächen. Der Bremer Sozialforscher Friedrich Schorb sagte in einem Interview, dass Dicke die letzte gesellschaftliche Gruppe seien, die man ungestraft diskriminieren könne. Inzwischen kämpfen Bewegungen wie das Fat Acceptance Movement in den USA gegen Dicken-Klischees.

Cora Frost geht in ihrem Stück einen eher verträumten Weg. Mittlerweile probt sie mit ihrer Gruppe in einer alten Fabriketage auf der Prenzlauer Promenade in Pankow. Die Kinder liegen in Decken gehüllt in der Mitte des Raumes. Draußen ist es schon dunkel. Die Kinder singen Schlaflieder, erzählen sich heimlich Gruselgeschichten. Als der einzige Junge unter ihnen zu weinen beginnt, kommt die Schlafsaalaufsicht und beruhigt ihn, indem sie das Essen des nächsten Tages beschreibt: „Ganz frische Scholle mit warmem Specksalat, vielleicht ein paar Salzkartoffeln dazu. Und zum Nachtisch ein Nussparfait.“ Es wirkt: Der Junge kommt zu sich.

In einer Art Power-Performance stampfen die Dicken später in den Boden. Sie zeigen, dass sie hier jeden kaputtmachen könnten, es aber nicht tun. Sie kennen keine Zerstörungswut, sind ein kugelrundes Ganzes. Ihr König ist der Dickste von allen. Ihre Mutter soll eine Seekuh sein. Die dünnen Touristen antworten mit einer seltsam künstlichen, sexy Performance. Manuela und Mirko heißen die beiden. Ziemlich fad klingt das – im Gegensatz zu Lady Mysteria Junior, Lady Seductora oder Lady Warrior. Während Letztere sich an einem angeschwemmten Toaster erfreut, zeigt Manuel die Vorteile der Zivilisation an einem Rucksack auf. Ende der Probe. Was sagt die Regisseurin? „Also wenn das Stück nichts wird – heute war’s sehr schön!“ Es sieht aber eher danach aus, dass „Die Bucht der dicken Kinder“ bis zur heutigen Premiere noch runder und runder geworden ist. Schön wäre es, wenn die Bucht sich auch außerhalb der Sophiensäle ausbreiten würde. Und alle beim nächsten Kaffeeklatsch intuitiv zum größten Kuchenstück greifen.

Sophiensäle, 30.11., 20 Uhr (Premiere), 1./2. u. 4./5.12., 20 Uhr

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