Kultur : Sorge dich nicht, blase!

Seine Stücke heißen „Zweckform“ oder „Horst“: Jonas Schoen ist einer der besten deutschen Jazz-Saxofonisten

Johannes Völz

Jonas Schoen öffnet die Wohnungstür. Er schüttelt die Hand, weich, aber nicht schlaff. Ein Lächeln überzieht sein Gesicht, die Zähne aber verbirgt er. Er bittet in die Küche, mit zurückgenommener, sehr klarer Stimme. Bei Schoen, das versteht man nach wenigen Sekunden, dreht sich alles um das richtige Maß. Vor zwei Jahren ist der 32-jährige Saxofonist mit seiner Frau und seinen drei Kindern von Hamburg nach Berlin gezogen. Inzwischen zählt er zu den beliebtesten Jazzmusikern der Stadt. Weil er auch in seiner Musik ganz genau weiß, wie weit er gehen darf. Gerade hat er mit „My Middle Name“ (schoener hören music/NRW Vertrieb) seine sechste CD veröffentlicht, zu hören ist er darauf mit seinem akustischen Quartett. Ganz offen reiht er sich in die Tradition des modernen Mainstream-Jazz ein. Schlagzeuger Heinz Lichius und Bassist Pepe Berns sorgen dafür, dass man auch bei Balladen den Vorwärtsdrang des Swing spürt, und Jonas Schoen selbst macht in seinen Saxofonsoli aus seinen Vorbildern, allen voran Kenny Garrett, keinen Hehl.

Und doch: Schoens Musik klingt wunderbar unverbraucht. Er spielt ausschließlich Eigenkompositionen, und die zeugen vom Ehrgeiz, Großes zu schaffen. Er denkt in ausgedehnten Formen: Das Stück „Horst“ etwa, ein Nachruf auf den Künstler Horst Hellinger, hat er als Suite angelegt, mit einem bedrückenden Rahmen und einem lebhaften Mittelteil, „der Hoffnung verspricht“, wie Schoen erklärt. Eine solch explizite Dramaturgie ist im Jazz noch immer etwas Besonderes. Schließlich kleben die meisten Musiker an der Idee der Bebopper, Kompositionen ausschließlich als Unterlage für Improvisationen zu benutzen.

„Daddeln“ nennt Schoen diese Art des Drauflos-Improvisierens ohne Gesamtkonzept. „Es gibt auf der neuen Platte nur ein solches Stück, wo es nicht um die Komposition geht, sondern allein um die Soli.“ Er hat einen ehrlichen Titel gefunden dafür, es heißt: „Zweckform“. Dass sich Schoen von der Masse der Berliner Jazzmusiker abhebt, hat einen simplen Grund. Gute Musik, weiß Schoen, braucht ein festes Fundament. Jazz ist eben auch Handwerk. Und Schoen ist früh in Lehre gegangen. „Ich habe mit 14 Jahren eher zufällig angefangen, Saxofon zu spielen. Ab dem Moment habe ich nur noch geübt, acht Stunden am Tag. Schule – egal, Hausaufgaben – egal.“ Schoen war gerade mal 15 Jahre alt, als er mit der Band seines Lehrers die ersten Konzerte im „Birdland“, dem führenden Hamburger Jazzclub, spielte.

Sein Studium an der Hamburger Musikhochschule begann er, als er noch nicht einmal das Abitur in der Tasche hatte. Erlaubt ist das natürlich nicht. Doch Schoen hatte sich in der 12. Klasse beworben, während seine Schulkameraden auf Klassenfahrt waren. Er bestand die Aufnahmeprüfung, und Dieter Glawischnig, Leiter der Hochschule, schlug ihm vor: „Vormittags gehst Du in die Schule, nachmittags kommst Du zu uns“. Die Jahre vor seinem Umzug nach Berlin waren die Zeit des Profimusikers Schoen auf der Suche nach der künstlerischen Identität. Als Studiobläser nahm er mit Pop- und Funkmusikern Platten auf, etwa mit den Weather Girls und Lonnie Liston Smith. Er begann, Filmmusiken zu komponieren, unter anderem für den „Tatort“. Für das Hamburger Dancefloor-Jazz-Label „Soulciety“ spielte er eine Platte mit einem Rapper und zwei Sängern ein. Einen Puristen kann man Schoen also nicht nennen, auch wenn er sich in den letzten Jahren auf akustischen Combo-Jazz spezialisiert hat. „Der Weg vom musikalischen Gedanken zur Bühne ist einfach nirgends so kurz wie beim Quartett. Ich lege den anderen die Musik hin und sofort wissen alle, was Sache ist.“ Erstaunlich rational klingt das, und als wolle er sich korrigieren, schiebt Schoen sogleich hinterher: „Die Stücke haben auf der emotionalen Ebene extrem viel mit mir zu tun.“ Zwar würde das wohl jeder Komponist für sich beanspruchen, doch bei Schoen verbirgt sich dahinter der Anspruch, sein Leben auszukomponieren. Zum Beispiel „Morgen-Sorgen“: Eine dreizehnminütige Träumerei, die dabei unnachgiebig auf dem Grundmotiv beharrt. Schoen beschreibt es so: „Ich liege morgens im Bett, bin noch gar nicht richtig wach, und kann schon nicht anders, als mir den Kopf zu zerbrechen, was ich alles tun muss“.

Wohlüberlegt ist der Plattentitel „My Middle Name“ für diese musikalische Autobiografie. „Im zweiten Vornamen drückt man den Bezug zu seinen Vorfahren aus, man reflektiert seine Herkunft“. Heikel, wenn das Persönlichste öffentlich wird: Gibt man den zweiten Vornamen preis, hat das fast immer etwas Peinliches. Genau das ist die Gratwanderung, die Schoen für seine Platte meistern musste. Ein persönliches Bekenntnis, das nicht in narzisstische Nabelschau verfallen darf, und auch nicht in Kitsch. Vielleicht konnte das nur einem wie Jonas Schoen glücken: Einem, der noch in der kleinsten Geste die richtige Dosierung sucht.

Jonas Schoen spielt mit seinem Quartett von heute bis Samstag im A-Trane, Bleibtreustr. 1, Beginn ist 22 Uhr.

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