Kultur : Soso, Herr Godot!

Geistreich: Alfred Brendel im Kammermusiksaal

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Die Berufskleidung des Konzertpianisten hat er vor zwei Jahren abgelegt – die Bühne aber mag er weiterhin nicht lassen. Also reist Alfred Brendel nun als Rezitator durch die Lande. Im schlichten Anzug nimmt der 80-Jährige am Mittwoch im Kammermusiksaal Platz. Auf dem Resopaltisch vor ihm: die abgelegte Armbanduhr, Wasserflasche, Glas und drei seiner mittlerweile elf Bücher. Bescheiden beginnt Brendel mit einem Werk, bei dem er nur als Herausgeber fungiert. Tagebuchnotizen Friedrich Hebbels, Aphorismen eines Bruders im Geiste. „Sitzen bleiben schützt durchaus gegen die Gefahr zu fallen“, heißt es da. Oder: „Für meinen Nächsten würde oft wenig dabei herauskommen, wenn ich ihn liebte wie mich selber.“ Von da ist es nur ein kleiner Schritt zu Brendels eigenen Gedichten, in denen Gatten mit geräumigen Herzen auf die heikelste aller Beziehungsfragen schon mal antworten: „Natürlich liebe ich dich. Du weißt doch: Ich liebe alle Frauen.“ Brendel selber liebt vor allem den Robert-Gernhardt- Ton, macht dem Warten auf Godot ein Ende, erläutert, warum geräucherte Klaviere nobler klingen als gekochte, und lässt den Weltuntergang dann doch nicht stattfinden. Sehr zur Freude jener „1000-ohrigen Gottheit“, die ihn verehrt: des Publikums.

Zur prosaischen Lyrik wird korrespondierende Kammermusik kredenzt von Brendels Sohn Adrian am Cello, dem Solo-Kontrabassisten der Berliner Philharmoniker, Matthew McDonald, sowie William Coleman, Bratschist beim Kuss-Quartett. Zarte Gespinste „Aus dem Nachlass“ von Mauricio Kagel machen den Anfang, für diesen Komponisten überraschend introvertiert. Gesanglicher, energetischer sind György Kurtags „Zeichen, Spiele und Botschaften“, exquisite Monologe auf Augenhöhe mit den Texten. Gioacchino Rossinis Duett für Cello und Kontrabass – eine pointenreiche Konversation zweier koloraturverrückter Tiefstimmer – erscheint schließlich wie als verspätetes Klangbeispiel zum vorangegangenen Abend, an dem sich der Pianist i. R. in „die komischen Möglichkeiten der Musik“ vertieft hatte – und dabei übrigens doch wieder an den Tasten tätig wurde. Auf baldiges Wiederhören, Mr. Brendel! Frederik Hanssen

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