Kultur : Sotto voce: Jörg Königsdorf über Beerdigungs- und Begeisterungsstimmung

Bleibt er nun oder bleibt er nicht? Immer noch ist über die Zukunft von René Jacobs an der Staatsoper nicht das letzte Wort gesprochen. Bei all dem Hin und Her um Barenboim, Thielemann und Co. ist das Schicksal von Berlins einzigartiger Barockopern-Sparte und ihren Helden allerdings in den letzten Monaten in den Hintergrund geraten. Wohl auch, weil diese kleinere Frage mit an den größeren - Zukunft der Opernhäuser und Zukunft Barenboims in Berlin - daranhängt. Bislang weiß keiner, ob es beim Tod auf Raten bleibt, oder ob eine Rettung in letzter Minute gelingt. Über Monate schien es, als würde die Wiederaufnahme der "Griselda" den Abschluss eines der glanzvollsten Kapitel Berliner Musikgeschichte bilden. Und auch das nur durch eine Gnadenaktion Peter Dussmanns, der mit einer großzügigen 300 000-Mark-Spende die vier Aufführungen sicherte. Immerhin kann die Begräbnisstimmung jetzt noch einmal zurückgestellt werden: Mit Haydns Astronauten-Oper "Il mondo della luna" ist noch eine Jacobs-Produktion an der Lindenoper vereinbart, wieder einmal in Zusammenarbeit mit den Innsbrucker Festwochen.

Was Berlin verlieren würde, hat gerade die Neuaufnahme von Keisers "Croesus" gezeigt, Jacobs¿ letztem Triumph vor der "Griselda". Freilich haben diese beiden letzten Entdeckungen erst so recht gezeigt, was für Schätze womöglich noch im Barock-Repertoire zu entdecken sind. Denn die "Griselda" verschlug einem glatt den Atem: Musikalisch für die Zeit unerhört kühn und psychologisch in ihren sado-masochistischen Verwicklungen faszinierend vielschichtig - bei der Premiere war sofort klar, dass diese letzte, einhundertvierzehnte Oper des neapolitanischen Barockopern-Champions Alessandro Scarlatti (dem Vater des Klaviersonaten-Scarlatti) ein Meisterwerk ist, das problemlos mit den besten Händel-Opern mithalten kann. Allerdings auch eins, das an die Sänger höchste Anforderungen stellt: Nach Dorothea Röschmann stellt sich diesmal Veronica Cangemi der Titelrolle und glaubt man denen, die sie beim "Griselda"-Gastspiel in Innsbruck gehört haben, macht sie ihre Sache ebenso gut - auch wenn das fast unmöglich scheint (10., 12., 14., u. 17. 12.).

Aber vielleicht geht ja der eine oder andere Bundespolitiker hinein und lässt sich davon überzeugen, dass Jacobs in Berlin gehalten werden muss - nach der Dreieinhalb-Millionen-Spende für die Staatskapelle scheint nichts mehr unmöglich. Aber sehen wir es einfach positiv: Endlich hat Kunst wieder Überzeugungskraft auf die Politik und fraktionenübergreifend wird für Häuser und Dirigenten gekämpft. Unter diesem Gesichtspunkt müsste die Deutsche Oper eigentlich im Bundestag bündelweise Freikarten für die drei konzertanten Aufführungen der "Ägyptischen Helena" am 13., 16. und 19. verteilen. Schließlich sind die Wagner- und Strauss-Dirigate von Christian Thielemann das einzige musikalische Glanzlicht, das in Berlin gleichberechtigt mit dem Staatsopern-Barock strahlt. Nach der "Frau ohne Schatten" diesmal also der Antiken-Schinken "Helena", für den sich Thielemann seit langem einsetzt. Schon bei der bisher einzigen Studioaufnahme des Stücks unter Antal Dorati war er als kaum zwanzigjähriger Korrepetitor dabei und hat das reservierte Londoner Publikum erst vor einigen Monaten mit der "Helena" zu Beifallsstürmen veranlasst. Wie in London singt auch hier Supersopran Deborah Voigt die Titelrolle und dass die deutsche Grammophon sich kurzfristig entschieden hat, die Aufführungen doch nicht auf CD herauszubringen, erhöht noch den Anreiz, live dabei zu sein. Und wenn der Bund schon so viel Geld für Barenboim übrig hat, wie viel müsste er dann erst für Thielemann locker machen?

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