Kultur : Sotto voce: Jörg Königsdorf über den Kampf mit toten Titanen

Klassik-CD-Läden haben etwas von Toten-Gedenkstätten: Die Menschen unterhalten sich vorwiegend mit gedämpften Stimmen, es wird ernste Musik gespielt und meist geht es um Verstorbene. Nicht nur um tote Komponisten - meist haben auch die Interpreten längst ihren letzten Seufzer getan. Callas, Karajan und Furtwängler - alle längst tot und doch noch Plattenstars. Lebende haben es schwer, aus dem Schatten dieser Monumente herauszutreten. In der Klassik-Branche dauert es Jahrzehnte, einen Star aufzubauen - gegen die Denkmäler Horowitz, Rubinstein, Richter und Gilels stehen fast alle derzeit praktizierenden Virtuosen zurück. Dabei ist es vermutlich nur noch eine Frage von wenigen Jahren, bis Grigory Sokolow die Aura eines Swjatoslaw Richter zugebilligt wird. Der einstige Gewinner des Tschaikowsky-Wettbewerbs ist einer jener Tastengrübler, die immer kurz davor stehen, sich den Anforderungen des Musik-Jetsets zu verweigern und lieber nur noch in kleinen, intimen Sälen zu spielen. Wer seine Chopin-Aufnahmen besitzt, wird auf Sokolows Erkundungsreise zu den Mazurken neugierig genug sein. Einiges von Schumann und Francks neogotische "Prélude, Choral und Fugue" runden das Romantiker-Programm im Kammermusiksaal ab (3. 11.).

Das Problem, aus dem Schatten der Pianisten-Denkmäler herauszutreten, besitzt bei Peter Serkin ganz persönliche Züge. Steht bei jedem seiner Klavierabende doch das Vorbild seines Vaters Rudolf Serkin im Raum. Freilich ist dem Sohn die künstlerische Emanzipation längst gelungen - nachdem er optisch schon zu Woodstock-Zeiten mit Hippie-Outfit seine Abkehr vom traditionellen Musikinstituts-Betrieb unterstrichen hatte.

Auch wenn die Haare längst wieder kurz sind, geblieben ist der unkonventionelle Geist - Serkin Sohn spielt eben nicht nur das klassische Repertoire, sondern setzt sich ebenso auch für Zeitgenossen ein. Vom Vater geerbt hat er dagegen die Liebe zu Mozart: Schon seine ersten Aufsehen erregenden Einspielungen Mitte der siebziger Jahre galten einigen mittleren Klavierkonzerten. Diesmal steht beim Gastspiel des Minnesota Symphony Orchestra in der Philharmonie das F-Dur-Konzert auf dem Programm (5. 11.).

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