Kultur : Sotto Voce: Jörg Königsdorf über den Wald vor lauter Bäumen

Seine Pianisten behandelt Berlin nicht gerade gut: Jahre hat es zum Beispiel gedauert, bis die Stadt überhaupt zur Kenntnis nahm, dass ein Student der HdK einen der weltweit wichtigsten Klavierwettbewerbe gewonnen hatte - und nach einem kurzzeitigen Aufflackern scheint das Interesse der Berliner Konzertveranstalter und Orchester an Marcus Groh, dem Sieger des Brüsseler Königin-Elisabeth-Wettbewerbs, schon wieder erlahmt.

Hoffentlich hat Severin von Eckardstein mehr Glück - bislang machte auch er hauptsächlich durch auswärtige Erfolge von sich reden. Als Gewinner des prestigeträchtigen ARD-Wettbewerbs in München und im letzten Jahr durch seinen Auftritt beim Klavierwettbewerb von Leeds, wo schon Stars wie Murray Perahia und Radu Lupu sich ihren Namen machten. Dass Eckardstein in Leeds nicht auf dem Siegertreppchen stand, wird ihm kaum geschadet haben - Publikum und Fachpresse machten ihn nach seinem Finaldurchgang mit Prokofjews ultraschwerem zweiten Klavierkonzert als den eigentlich besten Teilnehmer aus. Der Sympathiegewinn und etliche Konzertengagements in Großbritannien sind ihm damit sicher. Prokofjew ist Eckardsteins Leib- und Magenkomponist und das populärste Prokofjew-Klavierkonzert, das dritte, damit fast zwangsläufig seine Eintrittskarte für Orchesterkonzerte.

Diesmal spielt er es mit dem Deutschen Symphonie-Orchester in der traditionsreichen Westberliner Talentshow-Reihe Debüt im Deutschlandradio, und hoffentlich sitzen auch einige Berliner Orchesterdirektoren mit offenen Ohren im Publikum (Konzerthaus, 3. 2.).

Was den Berliner Pianistennachwuchs betrifft, ist Eckardstein freilich nur die Spitze eines Eisbergs. Um den Talentpool unter der Oberfläche der öffentlichen Wahrnehmung zu orten, bleibt einem nichts anderes, als die Vortragsabende der Hochschulen zu besuchen oder zu schauen, wer bei den Orchesterkonzerten der Konzertdirektion Hohenfels in der Philharmonie auftritt. Vor allem die HdK nutzt die dezidiert auf "populäre Klassik" ausgerichteten Hohenfels-Konzerte, um ihrem Nachwuchs die Möglichkeit zu geben, Konzerterfahrungen zu sammeln. Ein Geschäft zu beiderseitigem Nutzen: Der Veranstalter bekommt seine Solisten relativ günstig und die Pianisten haben später, in den Finaldurchgängen der Wettbewerbe, einen entscheidenden Erfahrungsvorteil - auch Eckardsteins Name war noch unlängst auf den Hohenfels-Plakaten zu lesen.

Wie Eckardstein hat auch Susanne Grützmann einmal den ARD-Wettbewerb gewonnen, die kurze Zeit später entstandene Aufnahme von Chopins Préludes erinnert noch heute an die mediale Aufmerksamkeit, die ihr dieser Sieg damals bescherte. Die Tagesspiegel-Rezensentin ihres letzten Klavierabends vermerkte eine ganz eigenständige, subtil zu Werke gehende Musikerinnen-Persönlichkeit. Eigenschaften, die sie diesmal im Konzerthaus an Schumanns "Davidsbündlertänzen" und einem bunten Skrjabin-Programm demonstrieren wird (9. 2.).

Vergleichsfetischisten können den Grützmann-Schumann auch noch mit den "Davidsbündlern" vergleichen, die der Schweizer Andreas Haefliger am Sonntag im Kammermusiksaal bei "Klavier um vier" zum Besten gibt, gekoppelt mit Mussorgskys Klavierschlager "Bilder einer Ausstellung". Auch wenn die "Bilder" sicher zu den totgespieltesten Stücken der Klavierliteratur gehören, als Gegenüberstellung zweier episoden-verknüpfender Zyklen macht Haefligers Programm durchaus Sinn.

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