Kultur : Sotto voce: Jörg Königsdorf über die drei Könige der Barocktrompete

Die Riesenpakete mit CDs, die auch dieses Jahr wieder ausgepackt werden, müssten eigentlich dazu führen, dass die Unternehmungslust aller Berliner Klassik-Hörer erst einmal eine gute Weile blockiert ist. Würde man einmal zusammenrechnen, wieviel Stunden Musikkonserve allein in Berlin verschenkt werden, käme man sicher auf eine Zahl, die sogar noch die der jährlichen Fehlstunden im Öffentlichen Dienst überträfe. Knapp ein Drittel aller verkauften CDs geht in den Vorweihnachtswochen über den Tresen und die Geschäfte freuen sich, auch die letzten Ladenhüter noch zum Fest loszuwerden. Denn je näher der Heilige Abend heranrückt, desto wahlloser wird zugelangt. Hauptsache repräsentativ, teuer und Mozart steht drauf. Oder Bach natürlich - die Kalkulation der CD-Firmen, die zum Jubeljahr ihre Bach-Editionen herausgebracht haben, wird so vermutlich noch in letzter Minute aufgehen.

Eigentlich also Grund, diesmal nur das gründliche Hören der geschenkten CDs zu empfehlen, gäbe es nicht doch noch ein, zwei Konzertereignisse, die sich nicht das ganze Jahr über wiederholen lassen. Was sich um die Festtage in den Berliner Konzertsälen tummelt, ist allerdings eher besinnliche Stimmungsmusik: "Festliches Barock" mit reichlich Trompetengeschmetter, so wie man es von der Weihnachtsplatte gewohnt ist. Wem danach zumute ist, der hat allerdings die Gelegenheit, mit Otto Sauter einen der derzeit virtuosesten Barocktrompeter zu hören. Von seiner Plattenfirma vollmundig als der "König der Barocktrompete" ausgerufen, hat Sauter im Moment die beste Ausgangsposition, die Nachfolge der Altmeister Maurice André und Ludwig Güttler anzutreten. Wer will, kann ihn gleich zweimal hören: Am 23. im Konzerthaus mit dem Bach Kollegium München und am 26. mit der Camerata Wratislavia im Kammermusiksaal.

Möglichkeiten, im Konzertsaal vom Weihnachtsrummel abzuschalten, sind dagegen rar, auch wenn im Konzerthaus das Sinfonieorchester der Stadt Halle immerhin in die von den Berliner Orchestermusikern gelassene Weihnachtsbresche springt und am zweiten Weihnachtstag mit Jac van Steen ein erfrischend normales Konzertprogramm präsentiert: Eine sinfonische Dichtung von Sibelius, eine Beethoven-Sinfonie und Mendelssohns Violinkonzert mit Ulf Hoelscher.

Wer Weihnachten einfach ignorieren will, tut es am besten hier oder in der Deutschen Oper, die am ersten Feiertag geschickterweise Wagners Meistersinger von Nürnberg auf den Spielplan gesetzt hat. Ideal für Weihnachtsmuffel, denn erstens spielt das Stück im Sommer ("Johannistag!") und zweitens ist es so lang, dass quasi der ganze Tag von Oper ausgefüllt wird. Heißt lange schlafen, spät frühstücken und vielleicht noch ein paar Kilometer laufen, bis man rechtzeitig gegen 16 Uhr an der Oper ist und für sein Geld gute sechs Stunden Musik (Pausen eingerechnet) bekommt. Für die Fans von Christian Thielemann wird es natürlich trotzdem Bescherung und Festgottesdienst in einem, erst recht, nachdem der General-Musikdirektor der Deutschen Oper im Sommer just mit den "Meistersingern" seinen Bayreuth-Triumph feierte. Der Tagesspiegel-Rezensent von Thielemanns Bayreuth-Debüt geriet seinerzeit in einen wahren Begeisterungs-Taumel. Ob die Magie der Langsamkeit auch diesmal verfängt, lässt sich noch einmal zu Silvester nachprüfen. Aber keine Angst, zum Feuerwerk wird er wohl rechtzeitig fertig sein.

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