Kultur : Sotto voce: Jörg Königsdorf über die Tücken des Schwarzmarkts

Jörg Königsdorf

Jetzt ist der Moment, einmal etwas Grundsätzliches zu sagen: Über das verschwörerische Halbdutzend Schwarzhändler, das seit Jahren arglose Berliner Konzert- und Opernbesucher hinters Licht führt. Wer ist nicht schon einmal einem der jungen Menschen aufgesessen, die da um billige oder geschenkte Konzertkarten bitten - und saß anschließend neben einer nichtsahnenden Touristin, die dieses Ticket fünf Minuten später für den dreifachen Preis erstanden hatte. Das ärgert natürlich - den eigentlichen (Langzeit-)Schaden haben aber Studenten, die sich tatsächlich über eine geschenkte Karte freuen würden. Denn wer einmal den Schwarzhändlern aufgesessen ist, verschenkt nicht noch einmal ein überzähliges Ticket. Hilft nur eins: Zusammen mit dem Beschenkten durch die Eintritts-Sperre gehen und ihm erst anschließend das angerissene Ticket geben. Missbrauch wird so unmöglich und die Schwarzhändler winken sowieso gleich ab.

Allerdings ist die Größe der Schwarzhändler-Abordnung immer auch ein Signal für den Prestigewert eines Konzerts oder einer Opernveranstaltung. Jedes Philharmoniker-Konzert ist beispielsweise ein Großeinsatz für die Pseudo-Studenten und Drahtzieher im Hintergrund. Erst recht, wenn Stars wie Cecilia Bartoli und Nikolaus Harnoncourt beim Orchester vorbeischauen. Die beiden waren in den letzten zehn Jahren wegen ihrer Bindung an unterschiedliche CD-Produzenten nur selten zusammen zu erleben, haben sich aber jetzt für ein großangelegtes Haydn-Projekt zusammengefunden. Der Konzertmitschnitt der Haydn-Oper "Armida" ist eben erschienen weitere Haydn-Projekte wie die Oper "Orlando Paladino" und eine Kantaten-CD sollen folgen. Da liegt es vermutlich nahe, ihre gemeinsame Vorliebe mit Haydns "Harmoniemesse" zu dokumentieren (13. u. 14. 10.).

Mit solchen Konzerten versuchen die Philharmoniker natürlich auch, Repertoireterrain zurückzuerobern und den Originalklang-Ensembles Paroli zu bieten. Das ist natürlich lobenswert, auch wenn es neben Mahler- und Brucknersinfonien genügend andere orchestergerechte Kost gibt, die den Philharmoniker-Speisezettel anreichern könnte.

Denn die Wiederentdeckung der spätromantischen Orchesterliteratur jenseits einer Handvoll kanonisierter Genies steht ja noch aus. Doch das trauen sich die Philharmoniker denn doch nicht - und spielen lieber ein (zugegeben schwarzhändlerfreundlicheres) populäres Wagner-Programm. "Ring ohne Worte" nennt sich das und Lorin Maazel dirigiert (17. u. 18. 10.). Wer Star Wars Wagner mag, wird da sicher bedient - und wer die Stücke im musikdramatischen Zusammenhang hören will, hat an Deutscher Oper und Staatsoper ja ansonsten Gelegenheit. Auch wenn es bis zum "Tristan" an der Staatsoper noch eine gute Woche hin ist (ab 26. 10.) und in allen drei Häusern vorerst Richard Strauss auf dem Programm steht. Parallel zur recht kurzweiligen "Ariadne auf Naxos" an der Komischen Oper (20. 10.) und dem "Rosenkavalier" unter den Linden (21. 10.) nimmt die Deutsche Oper das selten gespielte Spätwerk "Daphne" wieder auf (19. 10.). Auch wenn die Inszenierung von Anthony Pilavachi ein wenig verworren geraten ist, musikalisch ist sie ein voller Erfolg. Und wenn Christian Thielemann in seinem Noch-Haus dirigiert, kommen sogar die Schwarzhändler. Und machen fast soviel Gewinn wie bei den Philharmonikern.

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