Kultur : Sotto voce: Jörg Königsdorf über Rückenprobleme bei Goldberg-Variationen

Es ist das ehrgeizigste Projekt, das sich Kent Nagano und sein Deutsches Symphonie-Orchester für diese Saison vorgenommen haben: Zuerst Bachs Goldberg-Variationen und dann noch Bruckners fünfte Sinfonie obendrauf. Das macht ungefähr zweieinhalb Stunden Musik, eine Anforderung an die Konzentrationsfähigkeit und vor allem an die Rückenmuskulatur des Publikums. Denn die Bestuhlung der Berliner Konzertsäle ist zwar nicht so notorisch schlecht wie in Bayreuth, aber doch für lange Musiknächte nur begrenzt tauglich. In der Philharmonie, wo das DSO-Konzert stattfindet, ist die Polsterung zwar noch besser als im Konzerthaus, wo die steifen Klappsitze schon bei normaler Kozertdauer nerven. Gegenüber der Bequemlichkeit von Kinositzen oder den rückenfreundlichen Sitzen im Potsdamer Nikolaisaal will in Berlins Konzertsälen die Hochkultur noch mit Schmerzen ersessen werden.

Anders als in Bayreuth aber, wo die Musiker im stickigen Orchestergraben die ganze Zeit über mitleiden müssen, habt es das DSO einfacher: Es muss erst zur zweite Hälfte anrücken und das einstündige Bach-Präludium Andras Schiff überlassen, während das Publikum die ganze Zeit absitzt. Denn einfach zur Pause zu gehen, nachdem man quasi einen abendfüllenden Klavierabend erlebt hat, bedeutet, vermutlich eines der besten Saisonkonzerte zu verpassen - unter Nagano hat das DSO in den letzten Monaten in atemberaubendem Tempo an Qualität gewonnen und toppt mit seinem Chef momentan sogar die etwas außer Form geratenen Philharmoniker. Vielleicht gerade weil Nagano sich Zeit beim Erarbeiten der Werke lässt, statt mit dem "Ich kann alles"-Kapellmeisteranspruch aufzutreten. Erst zu Nagano zu kommen, ist aber genauso riskant: Denn keiner weiß, ob er es nicht einfach so macht wie Glenn Gould in seiner legendären Aufnahme (und viele andere Pianisten auch) und die von Bach vorgeschriebenen Wiederholungen weglässt und der Bach nicht doch schon nach vierzig Minuten vorbei ist.

Heißt also ausharren und darauf vertrauen, dass man bei guten Konzerten gar nicht merkt, wie die Zeit vergeht. Oder am besten dem Beispiel einer bekannten Berliner Musikkritikerin folgen. Die hat nämlich für solche Gelegenheiten immer ein Dinkelkernkissen dabei. Und trotz jahrelanger Bayreuth-Erfahrung immer noch einen gesunden Rücken (2. u. 3. 12., jeweils 19.30 Uhr!).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben