Kultur : Sotto voce: Über Qualen und Bezahlen

Jörg Königsdorf

Manchmal bekommt man den Eindruck, Berlins Kulturszene sei heillos überdüngt: Konzertreihen, Festivals, Kulturtage schießen wie Pilze aus dem Boden, stehen in unmittelbarem Verdrängungswettbewerb und gehen oft schon wieder ein, ehe sie Wurzeln schlagen konnten. Jüdische Kulturtage, American Music Week, KammerMusikFestival am Gendarmenmarkt - alles Veranstaltungsreihen, auf die Städte wie Wittenberg oder Osnabrück vermutlich stolz wären, und die hier darum kämpfen, überhaupt wahrgenommen zu werden. Kein Wunder: Wer ist schon so risikofreudig und hört sich einfach auf gut Glück das Kammerorchester Mallorca im Französischen Dom an und opfert damit sein Geld und einen kostbaren Sonntagabend, an dem man auch einfach nett Essen gehen könnte? Oder, wer käme auf die Idee, einen Tag vorher sein Minderheitsvotum für einen Bariton namens Urmas Pevgonen abzugeben, wenn zeitgleich im Kammermusiksaal Matthias Goerne die "Schöne Müllerin" singt? Was natürlich nicht heißen soll, dass das Unbekanntere automatisch das Schlechtere ist - besäße nicht jedes Konzert auch die Möglichkeit des Über-Sich-Hinauswachsens der Interpreten, könnte man gleich auf die Tonkonserve zurückgreifen.

Immerhin hat das erwähnte KammerMusikFestival im Französischen Dom am Gendarmenmarkt (offiziell: Französische Friedrichstadtkirche) nicht nur No-Names aufzubieten, sondern gleich heute mit Zakhar Bron auch einen der bedeutendsten Geigenlehrer des Jahrhunderts. Aus Brons Meisterschmiede (früher in Lübeck, jetzt in Köln) kommen Stars wie Vadim Repin und Maxim Vengerov - allein das sollte neugierig genug machen. (Heute 20 Uhr.)

Freilich ist gen Wochenende der Verdrängungswettbewerb der Festivals und Initiativen immer extraheftig. Heute hofft nämlich nicht nur Bron auf Besucher: Während die Philharmoniker mit einem populären Wagner-Mixprogramm über zweitausend Musikinteressenten abziehen, buhlen auch noch ein Kammermusikabend der American Music Week nebenan im Kammermusiksaal und die spektakuläre "Erste Wiederaufführung nach 172 Jahren" von Mendelssohns rekonstruierter Dürer-Festmusik durch das Berliner Sinfonie-Orchester im Konzerthaus um das Klassik-Publikum. Vervollständigt wird die Overkill-Liste durch ein Benefiz-Konzert im Atrium der Deutschen Bank zu Gunsten der Hanns-Eisler-Musikhochschule (eine Mozart-Gala mit Thomas Quasthoff)und das zweite Konzert des Kurt-Weill-Festivals der konkurrierenden Hochschule der Künste - vom Opernangebot an den drei Häusern einmal gar nicht zu reden. Immerhin sorgt das Überangebot dafür, dass für jeden Geldbeutel etwas dabei ist. Wer viel Geld hat und nebenbei auch noch etwas Gutes tun möchte, geht zu Quasthoff (Karten zu 110 Mark), wer sein Budget für November sowieso schon überzogen hat, geht zum HdK-Konzert in den Konzertsaal Bundesallee und hört sich dort den Surabaja-Johnny nebst allerlei anderen Weill-Hits für ganz umsonst an.

Wer auf den Weill-Geschmack gekommen ist, kann übrigens tags drauf gleich nachlegen und sich am gleichen Ort Weills selten gespielte Kammermusik anhören: zwei Streichquartette, eine Cellosonate und für den Kontrast noch Schostakowitschs erstes Klaviertrio, gespielt von Mitgliedern der Münchner Philharmoniker zum Nulltarif, das dürfte nun wirklich kaum mehr zu schlagen sein. Es sei denn, man bekäme noch Geld drauf.

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