Kultur : Sotto voce

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Carsten Niemann über

den Charme der nachempfundenen Musik

Zu den skurrileren Hobbys, die sich der moderne Mensch zulegen kann, gehört das Anfertigen von Midi-Versionen klassischer Kompositionen. Das geht so: Man gibt die Werke in ein Notenschreibprogramm, bereitet anschließend Tondauern und Tempi nach. Die computergenerierten Einspielungen werden stolz auf einschlägigen Websites präsentiert ( http://www.classicalmidiconnection.com oder http://www.classicalarchives.com ). Was da alles putzig via Soundcard aus der Kiste dudelt - und oft auch noch in mehreren Interpretationen: Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ finden wir ebenso wie Mahler-Sinfonien, ja, sogar die ganze „Zauberflöte“, sekundenschnell heruntergeladen. Die mitschaffende Fantasie des Menschen lechzt offenbar danach, den Sprung von der Imperfektion des real Erklingenden zum dahinter durchschimmernden Ideal zu tun.

Doch sollte uns dieses Glück heute nur noch mit dem käsigen Blick auf den Bildschirm möglich sein? Die Alten haben uns reichlich Material zum Nachschöpfen großartiger musikalischer Ereignisse hinterlassen. Sie verstanden etwas davon, wie man Meisterwerke auf handliches Format eindampft: Nicht umsonst werden die so genannten „Harmoniemusiken“, Auszüge bekannter Opernwerke für Bläserensemble zum Zwecke gefälliger Outdoor-Beschallung, gerade jetzt wiederentdeckt. Wer das ultimative nachschöpferische Erlebnis sucht, der wird beim Papiertheater fündig werden: Mit Hilfe dieses Spielzeugs für Erwachsene holte man sich zur Biedermeierzeit die großen Opernerlebnisse ins traute Heim. Heute präsentiert das Berliner Papiertheater Invisius im Puppentheatermuseum das unumstrittene Paradestück dieser Kunstform: Den „Freischütz". Gesungen wird dabei zwar nicht - doch wer sich bei der liebevoll ausstaffierten Wolfsschluchtszene nicht wohlig gruselt, der hat keine Fantasie.

Klassische Werke so zu erleben, als sei es das erste Mal, das geht natürlich auch noch anders: Man besuche dazu Aufführungen von Werken, die so unbekannt sind, dass sie noch nicht einmal als Midi-Version im Internet zu finden sind. Erfolg versprechend ist der Besuch des Konzerts mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin am Sonntagnachmittag: Da dirigiert Marc Minkowski eine Kantate von Lili Boulanger. Die Komponistin erhielt just mit „Faust et Helène" 1913 als erste Frau den begehrten Rompreis. Auf den Geschmack gekommen?

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