Kultur : Sotto voce

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Jörg Königsdorf über

einen vorgezogenen Heiligen-Geburtstag

Es ist mal an der Zeit, diese Kolumne Potsdam zu widmen. Denn auch wenn auf dem Kopf dieser Seite der Berlin-Kultur unerbittlich an die Einhaltung der Stadtgrenzen mahnt, gehören sie natürlich doch dazu: Dank umstandsloser BVG-Verbindung ebenso wie durch die gemeinsame Geschichte, die sich in einer geradezu beängstigenden Detailparallelität der Schicksale niederschlägt. Beide Städte stehen am Rande des Ruins, beide zetern um den Wiederaufbau ihres Stadtschlosses, und beide machen eigentlich nur mit Kultur positive Schlagzeilen. Der Nikolaisaal mit seiner amöboiden Wandstruktur ist gewissermaßen die Potsdamer Philharmonie, das Schlosstheater im Neuen Palais schlägt die Staatsoper an eleganter Selbstverständlichkeit des Prunks weit aus dem Feld – und das Publikum ist hüben wie drüben ohnehin das Gleiche.

Dass die Landeshauptstadt auch seine eigenen Musikfestspiele hat, ist da eigentlich selbstverständlich, und im Gegensatz zu den gerade mitten in der Reorganisation steckenden Berliner Festspielen haben die Potsdamer ein klares Profil. Das wird durch den Genius Loci bestimmt, der in der Residenz natürlich ein höfischer ist – vermutlich gibt es in Potsdam mehr Schlösser als Supermärkte. Touristenmagnet Sanssouci winkt schon vom Festspieltitel stellt auch den überwiegenden Teil der Spielstätten. So die malerische Friedenskirche, in der heute das Eröffnungskonzert mit Cäcilienoden von Purcell, Britten und Händel stattfindet. Bis zum Namenstag der Schutzheiligen am 22. November ist es zwar noch etwas hin, aber weil sich die Preußenkönige eine schöne Kopie von Raffaels Cäcilien-Bild in ihre Orangerie hängten, ist das Ausscheren aus dem sakralen Terminkalender erlaubt: Denn programmatisch soll es diesmal um die Verbindung von Bildender Kunst und Musik gehen, ein Thema, das sich angesichts der Potsdamer Kunstschätze gewissermaßen von selbst ergibt.

Das Cäcilienthema, das beim Eröffnungskonzert vom britischen King’s Consort noch rein musikalisch behandelt wird, kann der Bildungshungrige am Sonntag akustisch und visuell angehen: Erst mit einer Führung durch die Sammlung des Raffaelsaals unter besonderer Berücksichtigung des Cäcilienbildes, dann am selben Ort in einem Konzert des Ensembles Obsidienne mit allerlei Cäcilien-inspirierter Vokal- und Instrumentalmusik der Renaissance. Zwischendurch ist übrigens noch bequem Zeit für ein Spargelessen in einem der Speiselokale am Luisenplatz.

Vielleicht noch spannender ist das Doppelpack am Dienstag, das der Musik Lyonel Feiningers gewidmet ist. Dass der Maler der kaleidoskopisch geometrisierten Kirchenansichten auch komponiert hat, wissen die wenigsten – dass Feininger vor allem für Bach schwärmte, scheint beim Betrachten seiner Bilder allerdings schon fast selbstverständlich. Wer der Sache genauer auf den Grund gehen will, hat dazu bei einem Vortrag über „Das Bildwerk Lyonel Feiningers und seine Wurzeln in der Musik“ im Palmensaal des Neuen Gartens Gelegenheit. Ausschnitte aus dem Wohltemperierten Klavier ( das Feininger laut Programmheft auswendig spielen konnte) ergänzen Viviane Goergens anschließenden Klavierabend, bei dem das Klavierwerk Feiningers aufgeführt wird. Überflüssig zu sagen, dass es sich um Fugen handelt. Was sonst? (Programminformationen unter www.musikfestspiele.potsdam.de )

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