Kultur : Sotto Voce

NAME

VOR >>

jörg königsdorf über

eine nachgeholte Geburtstagsparty

Der offizielle Geburtstagstermin war zwar schon im Februar, doch die große Party zum Fünfzigsten gönnt sich das Berliner Sinfonie-Orchester erst jetzt nach Saisonabschluss: Das Open Air Konzert auf dem Gendarmenmarkt lässt am Mittwoch fast die ganze Geschichte des BSO in Gestalt seiner Chefdirigenten Revue passieren. Von Kurt Sanderling, der das Orchester 1960 übernahm, über Michael Schönwandt bis zum derzeitigen Chef Eliahu Inbal, der seit dem letzte Jahr amtiert. Für den 90-jährigen Sanderling, der sich im Juni wohl endgültig mit einem phänomenalen Konzert von seinem Orchester verabschiedet hatte, dirigiert gewissermaßen stellvertretend Hans-Peter Frank, laut Konzerthaus-Chef Frank Schneider der einzige Dirigent, den der „Große Alte“ als Ersatz für ihn akzeptiert. Was erstmal erstaunt, denn Frank, der das BSO von 1973 bis 1988 als eine Art erster Kapellmeister dirigierte, ist über die Grenzen der Ex-DDR hinaus eigentlich nie bekannt geworden. Umso interessanter ist natürlich der Vergleich mit den drei Sanderling-Nachfolgern, die am Mittwoch am BSO-Pult stehen: Neben Inbal ist das erst einmal Günther Herbig, dessen erzwungener Abgang im Zusammenhang mit der Wiedereröffnung des Konzerthauses ein ganz eigenes Kapitel DDR–Kulturpolitik ist. Damals, vor 20 Jahren, entzog das Kulturministerium dem BSO die schon vertraglich zugesicherte Verfügungsgewalt über den neuen Konzertsaal. Als Herbig daraufhin mit Rücktritt drohte, wurde er recht eiskalt abserviert und ging bald darauf ins Exil. Welche Klangkultur das Orchester damals besaß, ist übrigens an einer Aufnahme nachzuprüfen, die Herbig 1982 mit seinem BSO machte, die aber aus eben diesen politischen Gründen nie auf dem Markt erschien: Zur festlichen Eröffnung des Konzerthauses sollte die „Eroica“ gespielt werden und parallel als Eterna-Aufnahme erscheinen. Doch nach den Aufnahmesitzungen im Juni 1982 kam es zum erwähnten Eklat, und die Einspielung verschwand in den Archiven. Das Label Berlin Classics hat sie vor kurzem zum ersten Mal veröffentlicht – sie ist ein faszinierendes Zeugnis traditioneller deutscher Orchesterkultur, ganz in der romantisierenden Tradition des sinfonisch gewichtigen, furtwänglerschen Beethoven-Stils, und als solche das vielleicht klangschönste Beispiel dafür, dass dieser Stil neben dem historisierenden Period-Beethoven eben auch seine Berechtigung hatte – und immer noch hat.

0 Kommentare

Neuester Kommentar