Kultur : Sotto voce

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Jörg Königsdorf über den kurzen Traum vom halben Preis

Eigentlich ist das wieder mal ein betrübliches Kapitel Berliner Kulturpolitik: Da hatte die Komische Oper in den letzten zwei Jahren mit ihrer Halfprice-Aktion im sonst notorisch besucherschwachen Sommermonat für ausverkaufte Vorstellungen gesorgt, aber von einer Weiterführung dieser guten und publikumsfreundlichen Idee ist in diesem Jahr offensichtlich keine Rede. Man habe sich zwar auch diesmal Extraaktionen wie Gratis-Eis zum Opernabend überlegt, heißt es von Seiten des Hauses, aber es sei leider kein Sponsor gefunden worden. Mit über Bord gegangen ist dabei allerdings auch die Bereitschaft, das Sommerloch durch eine längere Bespielung zu verkürzen: In den letzten Jahren hatte die Komische Oper den ganzen Juli durch noch Vorstellungen gegeben und war damit der Forderung der Kulturpolitik nach einer Flexibilisierung des Spielplanangebots nachgekommen, während die anderen beiden Häuser schon in den Ferien waren. Damit wurde ein Restangebot an Hochkultur bereitgestellt, an das sich quasi nahtlos der Beginn des „Young.Euro.Classic“-Festivals der europäischen Jugendorchester im Konzerthaus anschloss.

Das ist diesmal anders: Am Samstag, Montag und Donnerstag finden (neben einer Familienvorstellung von Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ am Sonntag) mit Verdis „La Traviata“ die letzten Vorstellungen statt: Allerdings nicht mit der lange Zeit unangefochtenen Diva der Komischen Oper, Noemi Nadelmann, sondern mit der Engländerin Sandra Ford, die die Titelrolle seit einiger Zeit übernommen hat, während Nadelmann ihre Traviata bei der Konkurrenz an der Bismarckstraße singt - und das war’s dann auch, bis das Jahr Eins der neuen Ära Andreas Homoki am 8. September mit der Premiere von Smetanas „Verkaufter Braut“ startet. Für die wird jetzt schon geprobt, weshalb man der Komischen Oper in diesem Jahr auch zumindest mildernde Umstände zubilligen muss. Dass die Saison mit einer Inszenierung von Harry Kupfer, Homokis Amtsvorgänger als Chefregisseur, zu Ende geht, hat von daher symbolische Bedeutung – dass es ausgerechnet die „Traviata“ ist, hat zwar vermutlich eher wirtschaftliche Gründe (der Verdi-Hit füllt das Haus immer noch am besten), bietet aber allen treuen Komische-Oper-Fans die Möglichkeit, mit einer besonders typisch geratenen Inszenierung des Meisters den innerlichen Abschied zu vollziehen. Auch wenn natürlich vorerst noch reichlich Kupfer im Spielplan bleiben wird – wenigstens bis zum nächsten Juli. Und dann vielleicht sogar zum halben Preis.

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