Kultur : Sotto Voce

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Carsten Niemann hat Hunger und

singt Champagnerarien

„Wie ein Rubin in seinem Golde strahlt, so ziert ein Gesang das Mahl.“ Dieser Spruch des Propheten Sirach hat in der Musikgeschichte viel Segen gestiftet: Als Bibelwort diente er Generationen von musikliebenden Fürsten als Argumentationshilfe, wenn sie sich zu ihren üppigen Mahlzeiten Tafelmusik bestellten. Und er kann auch genusssüchtige Berliner in die Woche geleiten.

Reden wir nicht von der Gastronomie in unseren großen Musentempeln: Zu oft hat der Schreiber dieser Zeilen den letzten Schluck so rubinroten wie -teuren Weines beim dritten Pausenklingeln hastig heruntergeschluckt. Teures Lehrgeld musste er zahlen, bis er einsah, dass hier nur satt werden kann, wer dafür Mittel in Höhe des Kartenpreises erste Reihe Block A zu investieren bereit ist. Reden wir auch nicht von den glücklichen Momenten, in denen die Kunst eines Akkordeonisten die schlimme Currywurst am U-Bahnhof Fehrbelliner Platz vergessen machte. Packen wir lieber unseren Picknickkorb und begeben uns am Sonntag um 20 Uhr in den Monbijoupark. Dort erwartet uns im Hexenkessel Hoftheater das Ensemble „Pasta Opera“ mit Champagnerarien und anderen Opernschmankerln von Mozart bis Puccini. Wer hingegen ganz auf die Genusskraft seiner Geschmacksknospen und seines Hörorgans vertrauen will, sollte in der piekfein restaurierten Backfabrik an der Saarbrücker Straße im Prenzlauer Berg Ohren und Gaumen spitzen. Hier befindet sich seit Juni „nocti vagus“, das „erste Dunkelrestaurant Berlins“: Mehrmals in der Woche wird in völliger Lichtlosgkeit dreieinhalb Stunden klassische Klavier- und Kammermusik zum Drei-Gänge-Menü für 45 Euro geboten. Die Programme reichen von Vivaldis akustischer Pizza Quattro Stagioni bis zu Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“: Letztere dürften nicht die geschmackloseste akustische Ausstattung für ein Berliner Nobelrestaurant darstellen.

Bei allem Mundwässern wollen wir die notorischen Abspecker nicht vergessen: Anhängern der absoluten Musik können wir, die wir uns als musikalische Trüffelschweine durch den Boden des Berliner Klassikangebots wühlen, zwei Kammermusikveranstaltungen empfehlen. Heute spielt um 18 Uhr das Aperto Klavierquartett im Botanischen Garten Mozarts bewegendes g-moll-Quartett sowie Regers und Faurés aparte Beiträge zu der Gattung. Am Sonntag findet sich um 11 Uhr im Musikinstrumenten-Museum das aufstrebende Iturriaga-Quartett ein. Die jungen Musiker stellen ein spätromantisches Werk von Günther Raphael aus dem Jahr 1926 vor, der besten Schaffenszeit des von den Nationalsozialisten boykottierten Berliners. Daneben liefert Beethovens Quartett Op. 59/1 der ersten Geige Gelegenheiten zum Glänzen, ehe die Matinee mit Mendelssohns düsterem f-moll Quartett auf den Tod seiner Schwester ausklingt.

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