Kultur : Sotto voce

NAME

VOR >>

Jörg Königsdorf über den Weltschmerz junger Bergsteiger

Es kann einem schon Angst und Bange werden, wenn man liest, was sich das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester am Samstag für seinen Auftritt bei young. euro.classic vorgenommen hat: Ausgerechnet den Mount Everest der romantischen Sinfonik, Gustav Mahlers fast zweistündige dritte Sinfonie, wollen sie im Konzerthaus erklimmen. Eine Gipfelbesteigung, für die es Kondition und einen langen Atem braucht - schließlich ist es noch gar nicht lange her, dass selbst Profi-Orchester um diesen Koloss lieber einen Bogen machten. Dass sich die Schweizer jetzt an die Dritte trauen, liegt natürlich nicht nur alpenländischem Bergsteiger-Ehrgeiz, sondern auch daran, dass Mahler inzwischen zum absoluten Jugend-Orchester-Favoriten geworden ist - wie ja nicht zuletzt das (großartige) Gustav-Mahler-Jugendorchester allein schon vom n her belegt. Der ausufernde Weltschmerz Mahlerscher Sinfonik scheint jungen Musikern offenkundig mehr zu Gemüt zu gehen als das monumentalisierte Brucknersche Gottvertrauen oder der pathetische Klassizismus Tschaikowskys. Die reichhaltigen Mahler-Erfahrungen der letzten beiden young.euro-Jahre haben jedenfalls gezeigt, dass die Jugendorchester gerade hier reichlich Herzblut zu vergießen hatten - was auch über die eine oder andere konditionelle Schwäche hinweghalf. Mit Brigitte Balleys haben sich die Musiker übrigens eine der derzeit besten Mezzosopranistinnen als Solistin geholt, deren Aufnahme beispielsweise von Berlioz’ Liederzyklus „Nuits d’été“ an Klugheit und Sensibilität der musikalischen Gestaltung den Großteil der Konkurrenz aus dem Feld schlägt.

Die Schweizer sind freilich nicht die einzigen, die auf den Glanz eines Profinamens als Zusatzanreiz für den Konzertbesuch vertrauen. Gleich heute trumpft das Dreiländereckige SarLorLux-Kammerorchester im Konzerthaus mit Maxim Vengerov an der Spitze einer Phalanx von jungen Geigern auf. Der Auftritt des geigenden Superstar in diesem relativ unspektakulären Rahmen hat allerdings einen besonderen Grund: Zum ersten Mal überhaupt wird Vengerov öffentlich als Viola-Spieler auftreten, in Mozarts Sinfonia Concertante. Angesichts dieses Extras darf man denn auch ein Auge zudrücken und sich das Murren darüber, dass entgegen der festival-Idee nur Altertümliches von Bach bis Mendelssohn auf dem Programm steht, für ein andermal aufsparen.

Obwohl es natürlich auch anders gegangen wäre, denn für seinen Auftritt mit dem Symphonieorchester der Litauischen Musikakademie am Sonntag (wiederum im Konzerthaus) hat sich der viel geliebte Cellist, gebürtige Litauer und Berliner UdK-Professor David Geringas sogar der Mühe unterzogen, ein ganz neues Werk zu lernen: Das zweite Cellokonzert des Litauers Anatolijus Senderovas, das eigens von young.euro.classic in Auftrag gegeben wurde.

Mit Manuel de Fallas Klavierkonzert „Nächte in spanischen Gärten“ steht am Dienstag beim Konzert des international besetzten Schleswig-Holstein Musik Festival-Orchesters das wohl sommergerechteste Stück Musik auf dem Programm. Der in Deutschland seit seinen ersten Platten bei der Deutschen Grammophon (vor knapp 30 Jahren) bestens bekannte Homero Francesch und Spaniens wohl bekanntester lebender Komponist Cristobal Halffter sorgen für die authentische spanische Interpretation. Fehlen nur noch spanische Temperaturen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar