Kultur : Sotto voce

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Jörg Königsdorf über

den Energiehaushalt von Dirigenten

Barenboim hat es uns am letzten Wochenende mal wieder gezeigt: Dirigenten müssen eine besondere Spezies Mensch sein, deren Beruf sie nicht zu erschöpfen scheint, sondern die im Gegenteil durch den Taktstock immer wieder aufgeladen werden. Denn auch wenn der Staatskapellenchef die bekannteste unter diesen selbsterneuernden Energiequellen ist, das Phänomen lässt sich bei etlichen seiner Berufskollegen feststellen: Simon Rattle etwa gibt zum Start seiner ersten Philharmoniker-Saison nicht nur gleich fünf Konzertprogramme, sondern setzt sich für einen Kammermusikabend auch noch nach Barenboim-Manier ans Klavier. Oder Mikhail Jurowski, der vor zwei Jahren an der Deutschen Oper während einer Vorstellung von „Boris Godunow“ mit Herzinfarkt zusammenbrach und ein paar Monate später schon wieder trotz etlicher Bypässe aufs Pult kletterte. Und wer glaubt, Jurowski hätte sein Pensum seitdem reduziert, irrt: Heute und Sonntag ist er mit „Madame Butterfly“ an der Deutschen Oper beschäftigt. Und was macht er am Sonnabend? Dirigieren natürlich. Und zwar das RSB im Konzerthaus mit Schostakowitschs Leningrader Sinfonie. Mal ganz zu schweigen davon, dass Jurowski in diesem Monat neben sechs weiteren Abenden an der Deutschen Oper (u.a. die Wiederaufnahme des „Boris“) auch noch die Vorstellungen von Prokofjews „Drei Orangen“ an der Komischen leitet. Beruhigend zu wissen, dass im Opernpublikum meist eine Menge Ärzte sitzen.

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