Kultur : Sotto voce

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Jörg Königsdorf über

das Wunder auf dem Rummelplatz

Vermutlich gibt es nur wenige Gelegenheiten, an denen sich die Halbwertszeit von Kulturspektakeln besser erfahren lässt als der gerade in die Hauptstadt-Umlaufbahn geschossene Staatsopern-Satellit „Mavra“. Denn während das Strawinsky-Operchen auf dem Lastwagen-Container bei der großen Saison-Eröffnungsparty auf dem Bebelplatz noch ein Riesenpublikum hatte, schien sich schon am Donnerstag letzter Woche kein Mensch mehr für die nächsten Anlaufstationen der Produktion zu interessieren. Gerade mal eine Handvoll Leute fanden den Weg zum Kreuzberger Viktoria-Park, wo am Rande des Rummelplatz diese „Mavra“ ihre eigentliche Premiere erlebte. Denn das Ziel der Aktion wurde erst hier ausgetestet: Ein Publikum zu erreichen, das normalerweise nie in die Oper gehen würde. Nur zwei mickrige Klapptafeln wiesen auf den Laster hin, und auf einmal entfaltete die von der Regisseurin Tatjana Gürbaca fingierte Grundsituation einer abgehalfterten Schauspielertruppe einen malerischen, fast magischen Realismus. Unter rauschendem Blätterdach, vor der leise herüberklingenden akustischen Jahrmarktskulisse, inmitten vorbeitorkelnder Betrunkener und schmusender Pärchen schien die kaspertheatralische, groteske Handlung plötzlich gar kein implantierter Hochkultur-Fremdkörper zu sein. Und das Schönste: Trotz einiger Schwächen der Aufführung, die man in einer Kritik bemäkeln müsste (warum muss die Tochter doppelt so alt aussehen wie ihre Mutter?) blieb das Kiezpublikum still und gebannt bis zum Schluss dabei. Und wer will, kann die „Mavra“in Berlin noch heute abend und am Donnerstag beim Museumsinsel-Festival sowie am Montagabend bei Dussmann erleben.

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