Kultur : Sotto voce

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Jörg Königsdorf hat ein

Einsehen mit Konzertveranstaltern

Die Nerven liegen blank bei Berlins Konzeretveranstaltern: Fast alle haben sich mit Saisonstart ehrgeizige und anspruchsvolle Projekte vorgenommen, und fast alle bangen jetzt, ob sie auch ihre Säle voll bekommen: Denn die Zahl neugieriger Klassik-Fans, die gleichzeitig genug Geld auf der Naht haben, ist in Berlin so überschaubar wie in keiner anderen Stadt dieser Größe: Wer regelmäßig ins Konzert und in die Oper geht, hat sein Abo, und das reicht. So ist der Kuchen auch schon im Wesentlichen verteilt, übrig bleiben die Krümel, um die sich alle anderen balgen. Wie prekär die Lage ist, haben gerade die letzten Tage gezeigt: Das Highlight der reformierten Berliner Festspiele, das Operndoppel „The Triumph of deceit and beauty“ mit dem britischen Regiestar Nigel Lowery, fand am Sonntag und Montag vor halbleeren Reihen statt, das Flut-Benefizkonzert der Dresdner Staatskapelle in der Staatsoper wurde angesichts eines kümmerlichen Vorverkaufs sogar abgesagt. Klar, dass die Konzertveranstalter da umso empfindlicher reagieren und sogar eine Klage anstrengen, wenn die Philharmoniker-Stiftung und ihr Intendant Franz Xaver Ohnesorg auch noch als Konzertveranstalter auftreten und Spitzenorchester wie die Wiener Philharmoniker (am 30.9.) zu Dumpingpreisen (so der Vorwurf) präsentieren. Den Klassik-Endverbraucher freut es natürlich, wenn er billig in hochklassige Konzerte wie den Liederabend von Staatsopern-Tenor Stephan Rügamer am Montag im Apollo-Saal kommt (um ein weiteres, weniger spektakuläres Beispiel von Preisdumping zu nennen).

Dass gerade in dieser Situation auch die sicher alimentierten Berliner Sinfonieorchester noch expandieren, dürfte den „Freien“ zusätzliche Bauchschmerzen verursachen: Die Staatskapelle etwa hat gerade den Sprung in die Philharmonie gewagt und schon beim ersten Konzert beachtliche Auslastung erzielt – was den Intendanten Peter Mussbach nicht davon abhielt, vor Konzertbeginn noch eine Extra-Verkaufsansprache für Abonnements zu halten. Die Komische Oper, die mit ihrem neuen – und bei der Premiere der „Verkauften Braut“ enthusiastisch bejubelten – neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko hoch hinaus will, hat sich ebenfalls für ihr erstes Sinfoniekonzert die Philharmonie gemietet und setzt damit auf erhöhten Besucherzulauf.

Von solchen Höhenflug-Projekten kann ein Ensemble wie die Akademie für Alte Musik natürlich nur träumen: 20 Jahre besteht das „neunte Orchester“ der Stadt inzwischen, hat sich einen Weltruf erspielt und bekommt noch immer keinen Pfennig an Subventionen. Das ist nicht nur ungerecht, sondern auch gefährlich: Die Akademie hat es schwer, ihre Spitzenmusiker zu halten, die von anderen Originalklang-Ensembles heftig umworben werden. Eine Beethoven-Sinfonie zu spielen, bedeutet für die Akademie beispielsweise schon ein finanzielles Risiko, weil ein Dirigent bezahlt werden muss (wer allerdings noch ihre furiose Zweite mit Joos van Immerseel im Ohr hat, weiß, dass sich der Einsatz lohnt). Auch für ihr Jubiläumskonzert am Dienstag im großen Saal des Konzerthauses, bei dem zugleich zehn Jahre Zusammenarbeit mit dem RIAS-Kammerchor gefeiert werden, ist das Ensemble auf den freien Kartenverkauf angewiesen. Mit Werken von J.S. und C.Ph.E. Bach, Telemannn und Händel zeigen sie, was sie am besten können. Und Leute, die das hören wollen, sollte es auch hier genügend geben.

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