Kultur : Sotto voce

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Jörg Königsdorf geht in

Berlins Opern, solange sie noch stehen

An den Berliner Schulen wird es schon vorexerziert: Wenn es so weitergeht mit der Finanzmisere, müssen sich vermutlich bald auch die Opernbesucher ihr eigenes Klopapier mitbringen. Oder ihre Klappstühle in die Staatsoper schleppen, weil aus den alten Sitzpolstern schon langsam die Sprungfedern herauslugen. Da im Moment kein Mensch weiß, wie lange die Opernhaus-Dreieinigkeit in dieser Stadt noch Bestand haben wird, ist das Gebot der Stunde, sich Glanz und Elend noch einmal selbst vor Augen zu führen. Auch wenn der erste Blick auf den Spielplan nicht gerade ermutigend ist: In ihrer Sorge um hohe Auslastung spielen die Häuser in erster Linie die Greatest Hits der Opernführer: Deutsche Oper und Komische Oper konkurrieren mit Verdis Dauerbrenner „La Traviata“ - daran, dass die Staatsoper ausgerechnet von diesem Stück in dieser Saison noch eine Drittversion herausbringen will, mag man da gar nicht denken. Die bessere Wahl für die Deutsche Oper ist wohl ohnehin die Langversion von Mussorgskis „Boris Godunow“, eine der gelungensten Inszenierungen Götz Friedrichs, von Michail Jurowski mit viel Herzblut dirigiert (6.10). Oder, was die Staatsoper angeht, man nutzt noch einmal die Gelegenheit, sich „Norma“ (5., 7.,10.10) und „Rosenkavalier“ (6.10) anzusehen. Beide Stücke gehören zu denen, die auf Grund des TÜV-Vetos über den Bühnenapparat „angepasst“ werden müssen, allerdings kann in beiden Fällen auch nicht allzuviel kaputt gemacht werden. Annegret Ritzels „Norma“-Version ist ohnehin kaum mehr als angeschicktes Rumstehtheater, Nikolaus Briegers „Rosenkavalier“ bloß eine Sängerdurchlaufstation mit viel Bühnenfreiraum. Gut besetzt sind allerdings alle beide: Mit Marina Mescheriakova hat sich die Lindenoper eine der Top-Besetzungen für das Fach geangelt, und ihr Pollione John Treleaven bringt von seinen Wagner-Rollen mächtig Metall mit. Und zur Sicherheit kann man ja eine Rolle Papier mitnehmen.

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