Kultur : Sotto voce

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Jörg Königsdorf freut sich über

die Schicksalswende an der Deutschen Oper

An Berlins Opern geht die Angst um: Weil nun langsam, nach zehn Jahren Spargestückel, die Erkenntnis herangereift ist, dass es ohne eine große Lösung wohl nicht weitergehen wird, sind alle nervös: Wenn nicht die Bundesschatztruhe geöffnet wird, muss einer auf die Planke. Doch wer? Die Komische Oper als kleinste und schwächste? Die Staatsoper als baufälligste? Oder die Deutsche Oper, die sich derzeit quasi ohne Führung künstlerisch in der angeschlagensten Position befindet? Gepokert wird hinter den Kulissen, und das aufgeheizte Klima führt nicht nur dazu, dass jedem Intendanten die Schwachstellen seines Hauses bleischwer auf der Seele liegen, sondern auch dazu, dass jede misslungene Premiere zum Schicksalsschlag hochgeredet wird.

Was heißt, dass die Deutsche Oper nach ihrer unglücklichen ersten UdoZimmermann-Saison einen wichtigen Punktsieg errungen hat: Während Andreas Homoki bei seinem Neustart an der Komischen auf einer Bananenschale ausglitt und sich mit der „Verkauften Braut“ den Zorn des ostalgischen Publikums zuzog (am Samstag noch einmal zu überprüfen), während die Staatsoper die wichtige erste Saisonpremiere mit Percy Adlon einem Regiedebütanten, und, wie sich herausstellte, auch -dilettanten anvertraute („L’Elisir d’amore“ wieder am 27. u. 30.10.), bedeutete der „Werther“ an der Deutschen Oper einen echten Neuanfang. Mit der Inszenierung von Sebastian Baumgarten ist ein neuer Theaterstil an die Berliner Opernhäuser gelangt: Einer, der die Ästhetik von Castorfs Volksbühne auf das Musiktheater überträgt (in der zweiten Aufführungsserie im Dezember wird mit Frédéric Chaslin endlich auch ein Dirigent am Pult stehen, der Gespür für französische Musik hat). Fehlt nur noch das Volksbühnen-Publikum, das davon vermutlich gar nichts weiß.

Ein doppelter Punktsieg wäre es allerdings, wenn dem Orchester der Deutschen Oper bei seinem ersten Sinfoniekonzert am Dienstag im Konzerthaus ein so glanzvoller Start gelingen würde. Denn hier sind die Hürden höher gesteckt: Das Orchester der Komischen Oper verfolgt mit Kirill Petrenko schließlich auch ehrgeizige Ziele (ob sie schon eingelöst werden, zeigt als nächstes das zweite Sinfoniekonzert mit dem neuen Chef am Donnerstag in der Komischen Oper), die Staatskapelle dagegen ist durch die Ausweitung ihres Konzertzyklus’ in die Philharmonie besonders motiviert - die ersten beiden Konzerte zeigten jedenfalls ganz frappierend, wie eindrucksvoll sich der Streicherklang der Staatskapelle in dieser Luxus-Akustik entfalten kann.

Starke Konkurrenz also, gegen die das Orchester der Deutschen Oper allerdings auch zwei Stars und ein gutes Programm aufbietet: Mit Richard Hickox kommt endlich einer der weltweit aktivsten (und, was das Niveau seiner aberhundert Einspielungen angeht, zuverlässigsten) Dirigenten nach Berlin: Für Elgars erste Sinfonie dürfte es kaum einen besseren Interpreten geben, und das Orchester hat bei dem groß angelegten, nobel spätromantischen Stück gute Gelegenheit, seinen Wagner-Strauss-Sound einzubringen. Mit Steven Isserlis tritt zudem der Wunschinterpret für Waltons Cellokonzert auf. Vielleicht sollten die Politiker zur Entscheidungsfindung am besten alle drei Opernorchester hören: Nur, dann würden sie vermutlich alle behalten wollen.

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