Kultur : Sotto voce

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JörgKönigsdorf wünscht sich das Konzerterlebnis von Anfang an

Es braucht sich eigentlich niemand über das Endlosgezerre um die Berliner Opernreform zu wundern. Denn wer hier regelmäßig Konzerte und Opernhäuser besucht, weiß, dass selbst kleinste Fortschritte in dieser Stadt nur im Schneckentempo zu verwirklichen sind. Augenfälligstes Beispiel ist die Umwandlung der Kulturinstitutionen in Dienstleistungsbetriebe, die nicht nur Musik oder Theater bereitstellen, sondern dem Besucher ein anregendes Erlebnis in gepflegter Atmosphäre vermitteln, also den zahlenden Kartenkäufer nicht als lästige Nervensäge, sondern als Gast behandeln. Wozu etwa gehört, dass man nicht für Kleinigkeiten wie den Toilettenbesuch und die Garderobe noch nach passenden Euros kramen muss.

Wobei es da gar nicht ums Geld geht, sondern darum, dass solche Kleinkrämereien einfach lästig sind. Die Einsicht, dass sich hier etwas tun muss, ist bei den Institutionen zwar da, aber die Umsetzung dauert. Beispiel Garderobe: Erst haben die Opernhäuser das Garderobengeld abgeschafft, seit dieser Saison hat auch das Konzerthaus nachgezogen. Nur in der Philharmonie muss man den längst outgesourcten Damen noch Geld in die Hand drücken, hat beim Warten aber wenigstens Gelegenheit, vom Sponsorship in Gestalt einiger RicolaBonbons zu profitieren (und dabei des geschassten Philharmoniker-Intendanten Franz Xaver Ohnesorg zu gedenken, dem dieser Service zu danken ist).

Worum es aber hier eigentlich gehen soll, sind die Abendkassen, und zwar aus gegebenem Anlass: Das Orchester der Deutschen Oper veranstaltete gerade sein erstes (und übrigens ganz ausgezeichnetes) Saisonkonzert im Konzerthaus. Besetzt war eine einzige Abendkasse, an der es zu tumultartigen Szenen kam: Denn der arme Kassenmensch hatte nicht nur mit den üblichen Kurzentschlossenen zu kämpfen, die ewig brauchen, um sich für einen Platz zu entscheiden, sondern musste auch noch mit diversen Vorbestellungslisten von Konzertkassen, Pressekarten und Jugendorganisationen hantieren. Und das auch noch unter dem Druck, dass wegen einer Live-Übertragung im Radio das Konzert auf jeden Fall pünktlich beginnen musste. Ein krasses Beispiel von Publikumsverärgerung: Eigentlich kann es sich doch kein Opernhaus leisten, seine Klientel so vor den Kopf zu stoßen – denn im Regelfall reagiert das Publikum genauso wie in einem Lokal mit schlechtem Service: Es beschwert sich nicht, sondern bleibt ganz einfach weg. Und das haben die Musiker nicht verdient.

Womit der Kolumnenplatz auch schon weitgehend gefüllt wäre. Passenderweise, denn es soll diesmal eigentlich nur auf ein ungewöhnliches Konzert hingewiesen werden: Franz Xaver Scharwenkas viertes Klavierkonzert ist das Showpiece im nächsten DSO-Programm am Samstag und Sonntag: Der vierzigminütige wilhelminische Koloss ist hemmungslos protzige, vollvirtuose Unterhaltungsmusik und erlebt seit Erscheinen einer erstklassigen Einspielung des britischen Pianisten Steven Hough vor einigen Jahren eine Renaissance in den Konzertsälen. Jetzt auch in der Philharmonie, allerdings nicht mit Hough, sondern mit dem Russen Alexander Markovich. Hinterher spielt Dirigent Neeme Järvi übrigens Schostakowitschs beliebte fünfte Sinfonie – und leider nicht, wie fälschlich auf den Plakaten verkündet, die selten zu hörende sechste.

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