Kultur : Sotto Voce

Ob es überhaupt jemanden gibt, der die zahllosen Berliner Kammerorchester auseinanderhalten kann? Der normale Konzertbesucher ist damit heillos überfordert und meistens schon froh, wenn er die acht professionellen Sinfonieorchester der Stadt nicht miteinander verwechselt.Wer aber steckt hinter dem "Deutschen Kammerorchester" oder den "Deutschen Kammervirtuosen Berlin"? Ist das "Kammerorchester Berlin" eine andere Formation als das "Berliner Kammerorchester"? Hat das "Berliner Barockorchester" igendetwas mit "Berlin Baroque" zu tun? Eine Fragenliste, die sich endlos fortsetzen ließe - Meist kann nur ein Blick auf die Konzertprogramme einen Hinweis auf das angepeilte Qualitätsniveau geben.Im Zweifel gilt dabei die Faustregel: Je moderner oder unbekannter die Stücke, desto professioneller das Ensemble.Denn wenn nur die Hits von "Vier Jahreszeiten" bis zur "Kleinen Nachtmusik" auf dem Programm stehen, heißt das oft, daß eine zusammentelefonierte Musikertruppe ohne ausreichende Proben und künstlerischen Aussagewillen sich einen kleinen Extraverdienst erspielen will.Heraus kommt dann wenig mehr als Musikgebäck auf der Höhe der überzuckerten Berliner Streußelschnecke.Die guten Konditoren erkennt man entweder daran, daß sie auch mit bitteren Zutaten umgehen und mit disharmonischer Kost den Gaumen reizen können oder mit Vollwert-Originalklang-Zutaten arbeiten.

Ambitionen auf höhere Konditorenweihen zeigt seit einiger Zeit das Deutsche Kammerorchester unter seinem neuen Chef Burkhard Glaetzner.Glaetzner, einst als Oboist eine Art Heinz Holliger der DDR, mischt in seinen Konzerten Klassiker mit Musik des zwanzigsten Jahrhunderts, versucht statt des bloßen intelligente, beziehungsreiche Programme.Am 16.und 17.5.konfroniert er im Kleinen Saal des Konzerthauses den "Frühling" aus Vivaldis "Vier Jahreszeiten" mit der "Vivaldiana"-Suite des italienischen Neoklassizisten Malipiero und Bachs dritte Orchestersuite mit Bach-Hommagen von Heitor Villa-Lobos und Arvo Pärt.

Im Gegensatz zu den Sinfonieorchestern treten die meisten Kammerorchester Berlins nur sporadisch in Erscheinung - was auch damit zusammenhängt, daß keines von ihnen seine Musiker im Rahmen hauptamtlicher Stellen beschäftigt - künstlerischer Fixpunkt ist nicht das Ensemble, sondern der Leiter.Ist der fort, verschwindet oft auch sein Orchester von der Bildfläche: Selbst ein renommiertes Unternehmen wie das in Westdeutschland jahrzehntelang stilprägende Stuttgarter Kammerorchester versank nach dem Tod seines Leiters Karl Münchinger in der Bedeutungslosigkeit und hat erst unter dem Amerikaner Dennis Russell Davies wieder Lebenszeichen ausgesendet.

Auch die Berliner Sinfonietta ist in letzter Zeit wenig aufgefallen, seit ihr ehemaliger Leiter Mikhail Jurowski auf der Dirigentenleiter emporgeklommen ist.Unter Michail Sekler, dem Konzertmeister des Berliner Sinfonie-Orchesters, versucht sie am 14.5.im Kleinen Saal des Konzerthauses, den schmalen Grat zwischen dem zu Bekannten und dem zu Unbekannten zu treffen: Mit einer seltenen Haydn-Sinfonie (Nr.21) zum Einstieg, Mozarts Flöte-Harfe-Konzert mit BSO-Solisten als Publikumsmagnet und Schostakowitschs achtes Streichquartett in der Bearbeitung für Streichorchester.Hoffentlich zeigt der Publikumszuspruch, daß es in Berlin auch für Konditorware oberhalb der Streußelschnecke Abnehmer gibt.

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