Soul : Es läuft und läuft und läuft

Hits am Fließband: 50 Jahre Motown – Wie Detroit die Plattenindustrie erfand.

Bodo Mrozek
Stars, Stars, Stars. Die Supremes um Diana Ross bei einem Auftritt in Montreux 1976.
Stars, Stars, Stars. Die Supremes um Diana Ross bei einem Auftritt in Montreux 1976.Foto: Istvan Bajzat / dpa

Die Geschichte begann mit einem Zufall, und um ein Haar wäre sie schief gegangen. Bezahlte Arbeit war rar in jenen Tagen und so hätte Berry Gordy die junge Frau beinahe wieder nach Hause geschickt. An jungen Leuten herrschte in Musikstudios noch nie Mangel. Fast alle suchten einen Job, die meisten von ihnen träumten von der großen Musikkarriere. „Hitsville, U.S.A.“ stand auf einem Schild vor der Eingangstür. Dass der Studiobesitzer die Schülerin, die alle nur Diane nannten, nicht wieder nach Hause schickte, lag wohl hauptsächlich an ihrer Ausstrahlung. In jenem Sommer bekam Diana Ross den Job in dem aufstrebenden Plattenstudio – als Sekretärin.

Die Anekdote von der Aushilfe, die mit den anderen Schreibkräften den Hintergrundchor für einen kaum bekannten Sänger namens Marvin Gaye improvisiert und mit ihren eigenen Liedern 25 Millionen Schallplatten verkaufen wird, ist der Stoff, aus dem bis heute amerikanische Träume gesponnen werden. Wahr gemacht hat ihn der Mann, der wie kein anderer die Musikgeschichte der großen Motorstadt prägte: Berry Gordy, Gründer der Plattenfirma Motown.

Die Geschichte seines Labels, dessen 50. Jubiläum dieser Tage weltweit gefeiert wird, beginnt ganz unten im Black Bottom-Ghetto von Detroit im Staate Michigan, wo Diana Ross aufwuchs. Sie entsteht zwischen den Sandsäcken eines heruntergekommenen Boxstudios, in dem der Gelegenheitsboxer Gordy erstmals seinen Sparringpartner Jackie Wilson trifft, für den er später den Song „Reet Petite“ schreibt. Vor allem aber beginnt sie hinter den Werkstoren der Automobilwerke, wo Maschinen, Stechuhren und Fließbänder der Stadt den stampfenden Takt vorgeben, dessen großer Trommler Henry Ford heißt.

Unter seinen Arbeitern war auch der 1929 in Detroit geborene Berry Gordy. Der Gelegenheitsjobber, der sich auch als Arrangeur und Songschreiber durchboxte, nahm sich den Fordismus zum Vorbild, als er am 12. Januar 1959 mit 800 geliehenen Dollars sein Unternehmen unter dem Namen „Tamla Records“ anmeldete. „Warum sollte nicht auch in der Kreativindustrie funktionieren, was beim Automobilbau so gut klappte?“, sagt er später. Tatsächlich nahm Gordy den Begriff Plattenindustrie so wörtlich wie kaum ein anderer Produzent.

Die Hitproduktion war bei Motown streng arbeitsteilig organisiert: Melodie und Texte schufen eigens zuständige Spezialisten (etwa das grandiose Trio Holland-Dozier-Holland). Gute Handwerker schraubten unter der Leitung ihres Vorarbeiters, des Pianisten Earl van Dyke, den Motown-Sound zusammen: klatschende Percussions, flächige Bläsersätze und perlende Orgelklänge. Das vielköpfige Motown-Orchester kam als „Funk Brothers“ in Paul Justmans Dokumentarfilm „Standing in the Shadows of Motown“ 2002 zu spätem Ruhm. Gemeinsam hatten sie mehr Nummer-Eins-Hits als Elvis, die Beatles und die Stones zusammen.

Seinen ersten Top-One-Hit in den R&B-Charts hatte Gordy schon 1958 mit dem für Smokey Robinson geschriebenen Lied „Got A Job“. Die große Zeit von Motown aber wurden die Sixties. Mit klingenden Namen wie Martha & The Vandellas, Marvin Gaye, Gladys Knight & The Pips, Little Stevie Wonder oder den Jackson Five liest sich die Liste wie ein Who-is-Who der afroamerikanischen Musik des 20. Jahrhunderts.

Gordys künstlerisches Konzept blieb im Grunde simpel: schwarze Musik für weiße Hörer. Nichts anderes verbarg sich hinter seinem wohlklingend formulierten Motto „Sound of Young America“. Gordy schuf für seine schwarzen Stars ein braves Image und eine Musik, die dezidiert fröhlich daherkam, auch wenn vereinzelte Stücke wie etwa „Cloud Nine“ von den Temptations unüberhörbar Drogenerfahrungen thematisierten. Eine eigene Abteilung brachte den ungeschliffenen Talenten, die er von der Straße aufgelesen hatte, bis hin zur Haltung der Zigarette und zur Wortwahl bei Interviews jene Manieren bei, die das mittelständisch-puritanische Konsenspublikum zu schätzen wusste. Dennoch wurde der Motown-Tourbus von weißen Rassisten mit einer Schrotflinte beschossen, und die Supremes mussten auf Tournee durch die Südstaaten ins Gebüsch pinkeln, weil man ihnen die Benutzung „weißer“ Toiletten verweigerte.

Der außerordentlich geschäftstüchtige Labelgründer Berry Gordy machte sich nicht viele Freunde. Dass er sein Label autokratisch geführt habe, nimmt sich unter den vielen kritischen Stimmen fast wie ein Kompliment aus. Er sei „zeitweise Ersatzvater, zeitweise aber auch Sklaventreiber“ für sie gewesen, schrieb Diana Ross 1993 in ihrer Autobiografie „Secrets Of A Sparrow“. Man kann ermessen, dass sich die Supremes-Diva, die eine Tochter mit Gordy hat, ihrer Wortwahl dabei sehr bewusst war.

In den Siebzigerjahren verblasste der Stern von Motown allmählich. Versuche, nun doch noch auf die Bürgerrechts- und Friedensbewegung aufzuspringen, kamen zu spät, der Zeitgeist waberte bereits zu psychedelischen Rocksongs und hatte die weichgespülten Chöre und toupierten Haarsprayfrisuren der Soul-Diven weit hinter sich gelassen. Gordy zog nach Los Angeles um und versuchte mit wenig Erfolg, Diana Ross in Hollywoods Filmindustrie zu vermarkten. Mit einem Duett mit Lionel Richie konnte sie noch 1981 einen Mega-Hit für Motown landen, doch da hatten die meisten Stars ihren Magnaten längst verlassen und in zermürbende Prozesse um die Tantiemen verstrickt, um die sich viele betrogen fühlten. Zwischen 1988 und 1994 verkaufte Gordy sein Imperium scheibchenweise an MCA, Boston Ventures und die Polygram, heute gehört Motown zum Branchenriesen Universal. Der Sound lebte unterdessen in immer neuen Revivals auf – und fand sich oftmals im Werk weißer Artisten wieder.

In den Achtzigern plünderten so unterschiedliche Künstler wie David Bowie, F.R. David, Soft Cell oder Frankie goes to Hollywood bis hin zu Mary Roos das Motown-Arsenal. Und bis heute verlockt die mit Hits im Wartestand gefüllte Musiktruhe aus Hitsville, U.S.A., zur Selbstbedienung. Das Vermächtnis von Motown ist ein schier unerschöpfliches Archiv von Songs, die nicht zuletzt manche weiße Musikerkarriere ebneten. Denn was wären die Beatles, die allein auf ihrem zweiten Album drei Motown-Stücke coverten, ohne Titel wie „Please, Mr. Postman“ von den Marvelettes oder „Money“ gewesen, das Berry Gordy für den schwarzen R&B-Sänger Barret Strong geschrieben hatte? Was die Stones ohne „Hitch Hike“ von Marvin Gaye? Fünfzig Jahre Motown ist nicht der Geburtstag irgendeiner amerikanischen Plattenfirma. Auch wenn man den lieblichen Melodien für Millionen die Mechanik unter der glattgebürsteten Oberfläche so wenig anhört, wie man einem chromglänzenden Straßenkreuzer der industriellen Epoche den Schweiß der Arbeiter und den Rauch der Fabrikschornsteine ansieht: Es ist auch das Jubiläum der Musikindustrie im Sinne Henry Fords, einer Epoche, die heute ein für alle Mal beendet scheint.

Anlässlich des 50. Jubiläum erscheint „The Complete Motown-Nr.1“-Box-Set mit 192 weltweiten Nummer-Eins-Hits (Motown/Universal). Im Berliner Estrel-Hotel feiert eine Revue die „Memories of Motown“: bis 1. Februar, Mi-Sa 20.30 Uhr, Sa/So 17 Uhr. Tel. 68 31-68 31.

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